Obdachlosigkeit in Zeiten von Covid-19: Das Überleben auf der Straße

13 Obdachlose mussten diesen Winter ihr Leben lassen

Ein Thema beherrscht die Medien Anfang dieses Jahres genau so stark wie die Pandemie: die Situation der obdachlosen Menschen. Der Winter war kälter als erwartet, Tiefsttemperaturen und so viel Schnee wie seit langem nicht mehr. Und er forderte das Leben von 13 Menschen, die auf der Straße lebten. Jerzy, Josef, Emil, Fiete, Karsten, Jacob, Thomas, Paul, Josef, Jonathan, Leslaw, Robert und Stanislaw sind die Namen der 13 verstorbenen Obdachlosen. Es bleibt die Frage nach dem Warum.

Mit welchem Problem haben die Obdachlosen zu kämpfen?

Es herrscht eine große Verzweiflung auf der Straße, sagt der Straßensozialarbeiter Johann Graßhoff, der seit sieben Jahren für die Diakonie in Hamburgs Zentrum arbeitet und sich als „Stimme der Obdachlosen“ versteht. Auch Sonja Norgall, die den Mitternachtsbus der Diakonie betreibt, betont: „Viele Obdachlose fühlen sich alleingelassen.“

Dem Wind und Wetter ausgesetzt: Viele Obdachlose haben im Winter ihr Leben verloren

Weniger Platz bei den Angeboten, die Hygieneregelungen und die sozialen Abstandsregelungen würden die Ängste der Betroffenen befördern, beschreiben viele Hilfsorganisationen. So berichtet uns Davina Kronshage vom Kemenate Tagestreff für wohnungslose Frauen, dass vor allem das Knüpfen von sozialen Kontakten weggefallen sei. Der Tagestreff musste die Plätze auf elf gleichzeitig reduzieren, im Jahr 2019 haben nach eigenen Angaben täglich circa 35 Frauen dieses Angebot wahrgenommen.

Die junge Frau sitzt neben einer Zimmerpflanze, es hängt ein Kalender mit Nordlichtermotiv an der Wand, als wir das Gespräch Anfang Januar führen. Wir sprechen per Zoom, diesen digitalen Zugang haben viele Betroffene nicht. Auch die Kontaktnachverfolgung habe einiges verschlechtert, sagt Kronshage. Die Anonymität sei nicht mehr gegeben. Auch seien viele Besucherinnen durch den fehlenden Zugang zu Telefonen und Computern, sowie keiner vorhandenen Adresse vor große Probleme gestellt worden.

Eines betonen aber fast alle Interviewpartner*innen: Die Obdachlosen halten sich an die Abstands- und Hygieneregeln. Stephan Karrenbauer, der als Sozialarbeiter beim Straßenmagazin Hinz&Kunzt arbeitet, sagt dazu:

„Eigentlich haben Obdachlose ein schlechtes Gesundheitsgefühl, aber diese Pandemie nehmen sie sehr ernst. Sie versuchen wirklich, sich und andere zu schützen. Das finde ich sehr beeindruckend. Davon können sich so manche, die eine Wohnung haben, eine Scheibe abschneiden.“

Stephan Karrenbauer

So sei auch die Angst vor der Ansteckung mit dem Virus in den Notunterkünfte groß, sagt Karrenbauer. Die Todesursachen sind noch nicht bei allen 13 Personen geklärt, laut der Hamburger Morgenpost lehnten mindestens drei von ihnen Hilfsangebote ab. Zwei weitere von ihnen starben in der Nähe von Angeboten des Winternotprogramms. Interviewpartner*innen der Hilfsorganisationen nannten verschiedene Gründe für die fehlende Bereitschaft bezogen auf die Unterkünfte.

Hinzu kommt die Angst beklaut zu werden und die unerlaubten Mitnahme von Alkohol und Tieren. Viele der Obdachlosen gehören zur Risikogruppe, das Leben auf der Straße setzt ihrer Gesundheit zu. Aufgrund dessen zählt das RKI die Betroffenen zur dritten Impfgruppe. Das bezieht sich hier aber nur auf diejenigen, die in Unterkünften untergebracht worden sind, sowie deren Mitarbeiter*innen.

Wie geht es den Hilfsorganisationen?

Dass die Tätigen der Gemeinschaftsunterkünfte zur dritten Impfgruppe gehören, zeigt bereits, dass die Ansteckungsgefahr dort zum Teil groß ist. Auch die Hilfsorganisationen sind von der Pandemielage betroffen und das beeinflusst die Lage der Obdach- und Wohnungslosen, die von ihnen abhängig sind. Auch viele der ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen gehören aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe, sagt die Sozialarbeiterin vom Kemenate Tagestreff Davina Kronshage. Sie erhofft sich bezogen auf die Ehrenamtlichen mehr staatliche Unterstützung.

Auch die Kommunikation und das Herankommen an Obdachlose sei durch die Pandemie erschwert worden. Durch das Tragen der Maske wird die Kommunikation schwieriger berichtet Sonja Norgall vom Mitternachtsbus. Der Bus selbst konnte Anfang März des vergangenen Jahres nicht fahren und musste pandemiebedingt umgerüstet werden. Auch Organisationen, die sich im normalen Tagesbetrieb auf die Versorgung von kranken Obdachlosen spezialisiert haben, wie die Krankenstube der Caritas haben einige Veränderungen durchgemacht. Thorsten Eikmeier, der Leiter der Krankenstube, sagt, dass eine große Unsicherheit geherrscht habe, wie mit infizierten Personen umgegangen werden sollte. Es gäbe keine Möglichkeit der Isolation und die Frage der Kostenübernahme sei auch nicht geklärt gewesen.

Trotz der schlechten Seite der Pandemie freuen sich viele der Hilfsorganisationen über eine gestiegene Spendenbereitschaft. Viele von ihnen erhoffen sich zudem, dass die mediale Aufmerksamkeit das Thema auch in den Sommermonaten präsent macht.

Was tut die Politik?

Im Senat wurde seit Beginn des Jahres 2021 über die Lage der Obdachlosen diskutiert, am 27. Januar über einen Antrag der Linken-Fraktion mit dem Titel „Obdach- und Wohnungslose in Hamburg: Schützt die Menschen endlich vor der Pandemie!“. Ein zentrales Thema war hier die Unterbringung in Hotels. Andreas Grutzeck, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, sagt dazu: „Aus meiner Sicht ist die Hotelunterbringung zwingend notwendig“. In der Debatte richtete er sich zudem direkt an die Rot-Grüne-Regierung mit der Frage, wieso sie die zahlreichen Angebote, die der Regierung seitens der Hotels gemacht worden sind, nicht annehmen würde.

Die Anträge, die insbesondere von den Linken und der CDU, aber auch der AfD gestellt wurden, wurden alle abgelehnt. Dazu erklärte Ksenija Milda Bekeris (SPD), dass insbesondere die Versorgung mit den Betreuungsangeboten in den Hotels schwierig, aber notwendig sei. Das Winternotprogramm sei angesichts der Situation ausgeweitet worden, betont sie. Zudem werde das Programm durch weitere Hilfsangebote mit dem Ziel der „Hilfe zur Selbsthilfe“ ergänzt, sagt Iftikhar Malik (SPD).

Symptombekämpfung oder ein gemeinsamer Weg?

Die EU möchte bis 2030 die Obdachlosigkeit von EU-Bürger*innen abschaffen – in einem Beschluss vom 24. November 2020 ist die Rede von circa vier Millionen obdachlosen Unionsbürger*innen. Laut einer Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. waren in Deutschland 2018 insgesamt 678.000 Menschen wohnungslos. Davon waren 237.249 Wohnungslose im Hilfesystem und 441.000 wohnungslose anerkannte Geflüchtete. Wie lässt sich eine einheitliche Strategie umsetzen, um zumindest die EU-Bürger*innen von der Straße zu holen? Als wir diese Frage den Hilfsorganisationen stellen, reagieren fast alle gleich: mit ungläubigem Gelächter. Nach kurzem Zögern folgt die skeptische Befürwortung des Vorhabens. Zum Beispiel sagt Thorsten Eikmeier dazu:

„Ich freue mich, dass dieses Ziel gesetzt wurde. Die Frage ist: Wie realistisch ist das?“

Thorsten Eikmeier

Viele fügen hinzu, dass womöglich zunächst Zwischenziele gesetzt werden sollten und dass das Thema allgemein eher zäh voran gehe. Der Begriff der Symptombekämpfung wird in diesem Zusammenhang häufig erwähnt. Auch wenn regelmäßige Erhebungen fehlen, stieg die Zahl der Obdachlosen in Hamburg in den vergangenen Jahren weiter an. Zuletzt wurden im Jahr 2018 obdachlose Menschen befragt, angetroffen wurden dabei circa 1.910. Im Vergleich zu 2009 ein deutlicher Anstieg um 881 Personen.

Angesichts dieser Zahlen und der Pandemie wurden Hilfeprogramme ausgeweitet. Die SPD-Abgeordnete Bekeris hat zudem deutlich gemacht, dass die Öffnungszeiten der Notübernachtungsstandorte von 15 Uhr bis 10 Uhr am Folgetag ausgeweitet worden sind. Von der Opposition hagelt es dennoch Kritik. Wenn doch die Angebote ausgeweitet worden seien, wie könne es denn dann zum Tod von so vielen Obdachlosen kommen? Wieso werden von den 900 Plätzen im Winternotprogramm Ende Februar nur knapp 700 genutzt? Und was sind die Gründe für die Ablehnung der Hotelunterbringung, die sich seitens der Obdachlosen einer hohen Beliebtheit erfreut? Andreas Grutzeck fasste die Situation während der Debatte Ende Januar in seinen Worten polemisch zusammen:

„Draußen sterben die Menschen. Drinnen klopfen sich die Regierungsfraktionen auf die Schultern.“

Andreas Grutzeck

Hamburg tue zwar – in puncto Winternotprogramm – mehr als andere Städte, aber das sollte nicht das Kriterium sein, nach welchem die Maßnahmen bewertet werden. Zudem können nicht alle Personen das Programm in Anspruch nehmen. Beispielsweise haben obdachlose Menschen aus EU-Staaten, die keine Sozialleistungen bekommen können, keinen gesetzlichen Anspruch auf die öffentlich-rechtliche Unterbringung.

Ein weiteres Problem im Hamburg ist die Wohnungslage. Der Wohnungsmarkt ist stark umkämpft und teuer, oftmals der Auslöser für die Situation der Wohnungs- und Obdachlosen. Ein treibender Faktor ist auch das Angebot der Sozialwohnungen. Hamburg hat zwar in den vergangenen Jahren viele Wohnungen mit Sozialstatus gebaut, aber dieser Status wird nach einiger Zeit aberkannt. So haben seit 1977 von 400.000 Wohnungen 323.000 den Sozialstatus verloren. Anja Becker vom Projekt FrauenWohnung des Vereins Kemenate unterstützt wohnungslose Frauen von der Wohnungssuche bis zum Umzug. Sie berichtet, dass die Pandemie diese Entwicklung hin zu immer weniger Sozialwohnungen noch verschlechtert hat. Es sei viel schwieriger geworden, eine Wohnung zu finden. Becker betont außerdem, dass Maßnahmen wie Housing First nach dem finnischen Vorbild stärker in Angriff genommen werden sollten.

Pandemienotprogramm?

Auch in Wien funktioniert Housing First – in Hamburg wurde dieser Ansatz von SPD und Grüne in den Koalitionsvertrag geschrieben, doch passiert ist seit dem offenbar nicht viel. Auch seit Beginn der Pandemie hat sich nicht viel verändert. Es wird immer noch auf das Winternotprogramm gesetzt. Die Gesellschaft drücke ihre Stärke dadurch aus, wie sie mit den Schwächsten umgeht, sagte Iftikhar Malik von der SPD in der Debatte Ende Januar. Dazu zählen die Obdachlosen auch außerhalb der Pandemielage. Die Frage, die in diesem Zusammenhang entsteht, ist: Wieso gibt es kein Krisen- oder Pandemienotprogramm? Denn einen Punkt stellt auch Malik in den Mittelpunkt, jeder Obdachlose, der auf Hamburgs Straßen stirbt, ist einer zu viel.

Auch wenn das Winternotprogramm erneut teilweise ausgeweitet wurde, sind bereits 13 Menschen zum Opfer der Pandemie, ihrer mentalen Verfassung, der Kälte oder anderen Umständen geworden. Somit ist eins klar: Für die 13 verstorbenen Obdachlosen kommen die Hilfsangebote zu spät.  

Die Interviews wurden geführt von Eileen Berger, Laura Kurtz und Johanna Schröter