„Schreib mir, wenn du zu Hause bist“

Vielen Frauen bereitet der Heimweg ein mulmiges Gefühl (Foto: Rodan Can/Unsplash)

Viele von uns haben diesen Satz schon oft gehört oder selbst gesagt: „Schreib mir, wenn du zu Hause bist.“ Der Mord an der Britin Sarah E. hat eine neue Debatte darüber ausgelöst, welche Ängste Frauen auf ihren Heimwegen in Kauf nehmen müssen. Hier erzählen Philine und Simon ihre Sicht der Dinge. Was dabei klar wird: Wir sollten diesen Satz nicht sagen müssen. 

Philine Klinger und Simon Walters

Wir müssen mit unseren männlichen Freunden darüber reden! 

Philine Klinger

Bereits als Mädchen gruselte mich der nächtliche Heimweg, doch auch als junge Frau begleitet mich die Angst, im Dunkeln alleine nach Hause zu gehen. Allerdings ist das Gefühl von Bedrohung jetzt nicht mehr so diffus: Meistens bezieht es sich auf Pöbeleien von angetrunkenen Männern, auf schnelle Schritte hinter mir, bei denen ich nicht sicher bin, ob es die Person eilig oder auf mich abgesehen hat. Und mit diesem Gefühl bin ich als Frau nicht allein. 

Am Abend des 3. März verschwand die 33-jährige Sarah E. in London auf dem Nachhauseweg. Wenige Tage später fand man ihre Leiche. Die Britin soll entführt und ermordet worden sein, tatverdächtig ist ein Polizeibeamter. Kurze Zeit später erlangte ein Screenshot auf Instagram mit der Nachricht: „Text me when you get home“ große Aufmerksamkeit. In ihrem Beitrag schreibt die Influencerin Lucy Mountain darüber, wie es weiblich gelesenen Menschen nachts alleine auf dem Heimweg geht. Dass es für sie normal sei, einen Umweg in Kauf zu nehmen oder einen Schlüssel in der geballten Faust zu halten. Der Beitrag hat inzwischen mehr als zweieinhalb Millionen Likes und wurde mehr als 15.000-mal kommentiert. Und auch auf Twitter wurden unter den Hashtags #ReclaimTheStreets und #toomanymen zahlreiche Erfahrungen gesammelt.

Ehrlich gesagt habe ich mich beim Verfolgen dieser Debatte ein paar Mal dabei erwischt, wie ich die lieb gemeinte Bitte nach „Meld dich, wenn Du zuhause bist“ in der Vergangenheit als Floskel abgetan habe. Zu oft habe ich den Satz gehört, um ihn jedes Mal vollkommen ernst zu nehmen. Und irgendwann habe ich ihn auch nicht mehr hinterfragt. Aber genau das ist das Problem: Wir Frauen müssen diesen Satz so oft sagen und hören, weil es normal geworden ist, dass wir uns auf dem Heimweg unwohl fühlen. Und dabei ist es nicht so, dass ich nicht auch selbst schon oft genug die Straßenseite gewechselt, mich lieber fünfmal umgedreht oder sämtliche Freund*innen durchtelefoniert habe. Oder auch nur so getan habe, als würde ich telefonieren, damit die dunkle Gestalt hinter mir denkt, dass ich nicht alleine bin. Klingt absurd, ist aber bittere Realität. Spreche ich mit Freundinnen über ihre Erfahrungen, besonders im Zusammenhang mit nächtlichen Heimwegen, kann so gut wie jede von dem mulmigen Gefühl berichten, allein eine dunkle Straße entlang zu laufen. 

Wir brauchen mehr Gespräche statt Gadgets

Dass es um ein strukturelles Problem geht und nicht nur eine Aneinanderreihung von individuellen Erfahrungen, zeigt auch eine Befragung des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2018. Demnach haben 44 Prozent aller Frauen in Deutschland bereits sexistische Übergriffe in ihrem Alltag erlebt. Um die Angst davor hat sich mittlerweile eine ganze Industrie entwickelt: Neben Pfeffersprays und Selbstverteidigungskursen wären da sogenannte Safe Shorts, die beim ungewollten Öffnen einen Alarm auslösen oder Armbänder, die im Fall einer Belästigung einen unangenehmen Geruch ausstoßen, um eine mögliche Erektion des Angreifers zu verhindern. Außerdem gibt es Apps, mit denen der eigene Standort mit Freund*innen geteilt werden kann und Heimwegtelefone, bei denen ehrenamtliche Mitarbeiter*innen im Notfall auch die Polizei informieren. 

Dabei sollte, kann und darf es nicht die Aufgabe von Frauen sein, sich zu schützen. Es kann nicht sein, dass wir im Jahr 2021 Frauen erklären, wie sie sich auf dem Heimweg zu verhalten haben. Wir sollten uns nicht überlegen müssen, mit welchem Gadget wir uns für den Nachhauseweg wappnen, sondern uns auf die Ursache des Problems konzentrieren: das (sexuell) übergriffige Verhalten von Männern. Es ist richtig und wichtig, dass wir Beiträge im Internet teilen und uns über unsere Erfahrungen austauschen. Aber es ist genauso wichtig, dass wir das Gespräch mit unseren männlichen Freunden nicht vergessen, denn nicht jede*r bewegt sich in einer feministischen Blase mit bunten Infografiken. Nicht jedem ist bewusst, dass das Problem so viele von uns betrifft. Und nicht jede*r, der sich gegen Catcalling, also die verbale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum, einsetzt, weiß, dass schon das bloße Entlanglaufen einer Straße Ängste schüren kann. Wir müssen also auch außerhalb des Internets anfangen, für das Thema zu sensibilisieren und auf problematische Kommentare hinweisen. 

Was Männer (nicht) tun sollten

Und natürlich werden auch bei dieser Diskussion (wie eigentlich immer, sobald es um sexualisierte Gewalt geht) Stimmen laut, dass nicht jeder Mann ein Täter ist. Und natürlich ist das wahr. Aber es gibt zumindest so viele Täter, dass sich Millionen Frauen in ihrem Leben bereits mit sexueller Belästigung auseinandersetzen mussten. #notallmen verschiebt den Diskurs. Statt über die Ängste der Betroffenen zu sprechen und ihre Erfahrungen ernst zu nehmen, geht es dann auf einmal darum, wie Männer sich dabei fühlen, wenn diese erzählt werden. Damit wird kleingeredet, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handelt, sondern um ein gesamtgesellschaftliches Problem. 

Was können Männer also stattdessen tun? Vor allen Dingen zuhören, wenn ihnen eine Frau von ihren Erlebnissen erzählt. Ihre Erfahrungen ernst nehmen, selbst wenn sie sie nicht erlebt haben oder nicht nachvollziehen können. Akzeptieren, dass das Problem einen Großteil der Frauen begleitet und es sich dabei nicht um unglückliche Einzelfälle handelt. Frauen nicht hinterherpfeifen oder sie anpöbeln, wenn sie nachts auf dem Heimweg sind (aber eigentlich auch sonst nie, ohne eigentlich). Und auch verstehen, dass es beängstigend sein kann, wenn ein Mann langsam hinter einer Frau herläuft. Die bessere Lösung: Mit Abstand überholen oder die Straßenseite wechseln. Aber auch außerhalb dieser konkreten Situationen gilt grundsätzlich: Sich zu trauen, auch in einer Männerrunde deutlich zu sagen, dass sie sich falsch verhalten oder sich den Spruch sparen können. Den Mut dafür muss nicht jeder von heute auf morgen entwickeln – aber übermorgen wäre super!  

Wir müssen die Diskussion auch für uns Männer führen 

Simon Walters

Als ich in der vergangenen Woche durch meine Instagram-Stories schaute, traf ich in ungefähr jeder vierten Story auf diese sieben starken Wörter. In gewisser Weise bin ich also auch eher in einer Blase und nicht in einem Alltagsgespräch mal wieder auf dieses Thema gestoßen. „Schreib mir, wenn du zu Hause bist.“ Lange hatte ich nicht mehr über den Satz und seine Bedeutung nachgedacht. Ich musste zurückdenken an meine ersten Partys, als ich den Ausdruck zum ersten Mal hörte. Heute muss ich leider gestehen, dass ich ihn damals nicht wirklich ernst nahm. „Schreib mir, wenn du zu Hause bist.“ Wieso, was soll denn passieren, gerade in einer Kleinstadt wie unserer? Es dauerte seine Zeit, bis ich begriff, welche Gefühle und Gedanken hinter dem Satz stecken und dass ich diese in Gänze wohl selbst nie begreifen werde. Mir ist mittlerweile klar: Es ist vielleicht so, dass die Sorgen auf dem Nachhauseweg sich im Nachhinein als nicht so schlimm herausstellen können und es ist sicher auch so, dass viele Männer ebenso normal und unauffällig nach Hause gehen wie Frauen.

Nicht von der Hand zu weisen ist aber – und davon dürfen wir Männer uns nicht freimachen – dass es belegbar auch gegenteilige Nachhausewege und Männer gibt. Jeder von uns hat mindestens eine weibliche Person, die ihm etwas bedeutet. Sei es die Schwester, die Freundin oder die eigene Frau. Allein für sie, aber natürlich auch für alle anderen Frauen müssen wir uns mit dem Satz und der Debatte auseinandersetzen. Am Ende sollten wir die Diskussion sogar nicht nur für sie, sondern auch für uns Männer selbst führen.

Denn klar ist auch, es ist zwar deutlich weniger unangenehm als selbst Angst vor Übergriffen haben zu müssen, aber immer noch uncool, jede Nacht als potentiell Übergriffiger angesehen zu werden, obwohl man einfach nur nach Hause laufen will.

Wir als Gesellschaft sollten ein Interesse daran haben, den nächtlichen Nachhauseweg für jeden – aber insbesondere für Frauen – so sicher und entspannt wie möglich zu gestalten. Ich bin der Überzeugung, um dieses Ziel gemeinsam zu erreichen, hilft es zusammen darüber zu sprechen, Frauen und Ihre Sorgen ernst zu nehmen und sie konkret zu fragen: Was können wir als Männer tun, um euch für den nächsten nächtlichen Rückweg ein sicheres Gefühl zu geben?