Keine Euros für Erasmus

Je nach Gastland erhalten Erasmus-Studierende monatlich bis zu 450 Euro – normalerweise (Foto: Markus Winkler / Unsplash)

Studierende der Universität Hamburg erhalten keine Erasmus-Stipendien, wenn ihr Gastland als Corona-Risikogebiet gilt. Dabei hat die EU den Geldhahn gar nicht zugedreht. Viele Studierende müssen nun ihren Traum vom Auslandsstudium aufgeben – und bleiben sogar auf unverschuldeten Kosten sitzen.

Die Leitung der Universität Hamburg hat entschieden, keine Erasmus-Aufenthalte in Risikogebieten zu fördern – momentan betrifft das alle 27 EU-Mitgliedstaaten. Grund hierfür sei die besonders hohe Infektionsgefahr. Gesundheit und Sicherheit der Studierenden habe oberste Priorität, teilte die Universität Hamburg mit. 

Ohne die monatliche Förderung in Höhe von 330 Euro bis 450 Euro, droht der Traum vom Auslandssemester für viele Studierende zu platzen – auch für die 22-jährige Leslie Tran. Die Master-Studentin an der Universität Hamburg wollte eigentlich Anfang Oktober ihren Erasmus-Aufenthalt in Wien antreten. Zehn Tage vor Abreise kam die Hiobsbotschaft: Österreichs Hauptstadt wird zum Risikogebiet. Sie hatte schon ein Zugticket gekauft, ihren Job gekündigt und ein WG-Zimmer angemietet. Doch ohne das Stipendium kann sie sich den Austausch nicht leisten. „Es ist schon ein großer Unterschied“, sagt Leslie, „ob man diese 390 Euro monatlich bekommt oder das komplette Erasmus-Semester aus seinen eigenen Taschen bezahlen muss. Dafür habe ich mich nicht beworben.“ Sie entscheidet sich, den Aufenthalt auf das Sommersemester zu verschieben. 

EU stellt weiterhin finanzielle Mittel bereit

Dabei hatte die Europäische Kommission als Geldgeber noch kurzfristig Rahmenbedingungen geschaffen, um auch während der Pandemie eine Fortführung des Erasmus-Programms zu ermöglichen. Auf der Website des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der als nationale Agentur für das Erasmus-Programm zuständig ist, heißt es: „Eine Mobilität, welche physisch angetreten wird, erfährt eine reguläre finanzielle Förderung.“ Wer ins Ausland reist, bekommt also den regulären Zuschuss – egal ob Risikogebiet oder nicht.

Für Studierende der Universität Hamburg gilt dieses Prinzip nicht. Zwar handelt es sich um Finanzmittel der Europäischen Union, die vom DAAD verteilt werden. Doch die Entscheidung, ob die Förderungen während der Pandemie tatsächlich ausgezahlt werden, liege bei den Hochschulleitungen, so ein Sprecher des DAAD. Grund hierfür sei die Fürsorgepflicht der Hochschulen gegenüber den Studierenden.

Andere Hochschulen zahlen Erasmus-Stipendien

Die Fürsorgepflicht – ein unbestimmter Rechtsbegriff – wird allerdings unterschiedlich ausgelegt. Beispielsweise überlässt die Hochschule Hannover (HS) ihren Studierenden die Entscheidung, ob sie das Risiko eines Auslandsaufenthaltes eingehen wollen – und bezieht sich dabei auf die Empfehlungen der Europäischen Kommission: „Die Entscheidung liegt aus Sicht der Mittelgeber bei den einzelnen Teilnehmenden, ob eine individuelle Mobilität je nach Sachlage durchgeführt werden kann und gewünscht wird“, liest man auf der Website der HS.

Die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) hat bisher alle Erasmus-Zuschüsse ausgezahlt – trotz Reisewarnungen. Die Leiterin des International Office an der HAW, Martina Schulze, sagte dazu: „Wir wollen unseren Studierenden weiterhin die Möglichkeit geben, Auslandserfahrungen zu sammeln.“ Die Technische Universität Hamburg (TUHH) fördert ihre Studierenden sogar, wenn sie in Deutschland bleiben und nur virtuell an Lehrveranstaltungen teilnehmen. 

„Besonders mies finde ich, dass wir uns nicht auf andere Fördermöglichkeiten bewerben dürfen. Letztendlich muss ich alles alleine stemmen“

– Leslie Tran, 22

Leslie Tran dagegen wird mit ihren Kosten allein gelassen. Die erste Monatsmiete in Wien, ihr Zugticket – die Universität Hamburg weigert sich bisher, ihr diese Ausgaben zu erstatten. Auf der Website der Universität heißt es pauschal: „Für das akademische Jahr 2020/2021 werden keine coronabedingten Mehrkosten übernommen.“ Wer in Zeiten der Pandemie Auslandserfahrungen sammeln möchte, ist selbst schuld – so das vermeintliche Credo. 

Doch Auslandsaufenthalte werden natürlich meistens weit im Voraus geplant. Als sich Leslie vor einem Jahr beworben hatte, konnte noch niemand die Auswirkungen des Corona-Virus erahnen. In Brüssel wurde die Pandemie deshalb als Höhere Gewalt eingestuft – mit dem Ziel, bei Nicht-Antritt oder Abbruch des Aufenthaltes finanzielle Unterstützung zu ermöglichen. „Wenn bereits Reisekosten im Zusammenhang mit der geplanten Mobilität angefallen sind (z.B. durch den Kauf eines Flugtickets) können Geförderten die entstandenen Reisekosten erstattet werden“, heißt es vom DAAD. Einzige Bedingung: Es muss ein Grant Agreement vorliegen, die vertragliche Grundlage für den Austausch. Die Universität Hamburg ist dieser Empfehlung bisher nicht gefolgt.  

DAAD: Hochschulen sollen Verschiebung der Erasmus-Aufenthalte ermöglichen

Und was spricht gegen eine erneute Verschiebung des Austauschsemesters? Aus Sicht der Europäischen Kommission und des DAAD: nichts. Bereits erfolgte Erasmus-Vereinbarungen sollten für die spätere Durchführung aufrechterhalten werden. „Neubewerbungen seitens der Studierenden oder des Personals sollten nicht erforderlich sein“, heißt es vom DAAD. 

Doch auch hier klafft eine riesige Lücke zwischen Empfehlungen des DAAD und Vorgaben der Universität Hamburg: Leslie müsse sich erneut bewerben, teilt ihr das International Office mit. Sicher wäre ihr der Platz nicht mehr. „Ich möchte keinen mir garantierten Platz hergeben, ohne die Sicherheit zu haben, dass ich auf jeden Fall mein Auslandssemester machen kann“, findet die Studentin. 

Mehr Jobben, weniger Zeit fürs Studium

Deshalb hat sich Leslie entschieden, trotz ausbleibender Fördergelder im Frühjahr nach Österreich zu ziehen: „Das Semester in Wien ist für mich als Master-Studentin die letzte Möglichkeit, im Ausland zu studieren“, sagt sie. „Das möchte ich mir nicht nehmen lassen.“ Für sie bedeutet das: mehr Jobben und weniger Zeit fürs Studium. Auch ein kleineres WG-Zimmer in Wien hat sie sich gesucht, um den Aufenthalt finanzieren zu können. 

„Besonders mies finde ich“, sagt die 22-Jährige, „dass wir uns nicht für andere Förderungsmöglichkeiten bewerben dürfen.“ Zusätzliche Stipendien stehen Erasmus-Studierenden nicht zu – unabhängig davon, ob die Zuschüsse tatsächlich ausgezahlt werden. „Letztendlich muss ich alles alleine stemmen.“ 

Leslie Tran und vielen anderen Studierenden der Universität Hamburg, denen ein Erasmus-Platz zugesichert wurde, bleibt keine Wahl: Wer nicht auf sein Auslandssemester verzichten möchte, muss in die eigene Tasche greifen.