von Anna Günther
Nickolay Mishkin ist geschäftlich im Ausland, als Russland in seine Heimat, die Ukraine, einmarschiert. Auf Rat seines Vaters kehrt er nicht zurück, geplagt von Zweifeln, Trauer und Schuldgefühlen landet er schließlich in Hamburg. Die Rekonstruktion einer Flucht ohne Flucht, irgendwo zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
18.02.2022 – Ruf nach Saudi-Arabien
Am 18. Februar 2022 erreicht Nickolay ein Anruf aus Saudi-Arabien, der sein Leben umkrempeln wird: sein Chef befiehlt ihm regelrecht nach Saudi-Arabien zu kommen, um dort weiterzuarbeiten. Nickolay versteht die Dringlichkeit aufgrund der Umstände in der Ukraine, seinem Heimatland. Alle bereiten sich auf den Kriegsfall vor, auch wenn niemand wirklich daran glaubt, dass es wirklich dazu kommen wird. Immerhin beschwichtigt das Militär die ukrainische Bevölkerung. Russlands Armee sei gar nicht mächtig genug um ein Land wie die Ukraine einzunehmen und ein Angriff wäre daher verrückt. Also fliegt Nickolay nach Saudi-Arabien und befindet sich damit an jenem Tag im Ausland, an dem sich vieles verändert: für ihn, seine Familie, sein Land und die so oft beschworene Weltordnung.
24.02.2022 – Tag X
Sechs Tage später ist es so weit: russische Truppen marschieren in die Ukraine ein. Nickolays Mutter ruft ihren Sohn an, um ihm von den Raketenangriffen auf den militärischen Flughafen zu berichten, in dessen Nähe sie wohnt. Doch Russlands Angriff trifft nicht nur Militärbasen, sondern auch zivile Wohngebiete und Einkaufszentren. Nickolay schaut betrübt, als er sagt: „es war ein dunkler Tag“.
Doch nicht alle Russ:innen wollen sich mit Putins Angriff in Verbindung bringen lassen. Noch am Tag des Angriffs rufen ihn russische Freunde an, um ihre Solidarität kundzutun. Sie wollen weder mit der russischen Regierung noch mit Putin assoziiert werden, auf welchen sie genauso wie Nickolay Hass hegen. Sie erwarten, dass Russland versagen wird. Doch womit versagen? „Er möchte die Ukraine langsam verschlucken, die UdSSR neu beleben und an Einfluss zurückgewinnen“, kommentiert Nickolay grimmig.
April 2022 – Flucht
Weniger als zwei Monate nach dem Kriegsbeginn evakuiert Nickolays Bruder seine Familie in den Westen der Ukraine. Nachdem sie von Freunden zu Freunden wandern, kommen sie irgendwie nach Deutschland, wo ihnen ein Haus, indem sie leben können, angeboten wird. So kommen sowohl seine Mutter, Schwester, die Frau seines Bruders und dessen zwei Kinder, als auch ein paar weitere Freunde in diesem Haus unter. Vater und Bruder bleiben zurück, denn der ukrainische Präsident hat eine Generalmobilmachung ausgerufen. Demnach ist allen männlichen ukrainischen Staatsbürgern im Alter von 18 bis 60 Jahren die Ausreise aus der Ukraine verwehrt.
Nickolay ist einer von nur 177.438 (17%) ukrainischen Männern dieses Alters unter insgesamt 1.045.185 Geflüchteten, die in Deutschland 2022 als ukrainische Kriegsflüchtling registriert wurden. Verdanken kann er dies der Geschäftsreise, aufgrund derer er sich bei Kriegsbeginn nicht in seinem Heimatland aufhielt. „Ich habe die Wahl nicht ängstlich zu sein und möchte kämpfen“, sagt er. Dennoch beschließt er, nicht in die Ukraine zurückzukehren. Ausschlaggebend für diese Entscheidung ist vor allem sein Vater, der ihn drängt, nicht zurückzukehren. Er solle ein glückliches Leben führen können und vor allem brauche die Familie ihn bei sich und nicht tot im Schützengraben.
Der berufliche Umzug scheint eine glückliche Fügung für ihn gewesen zu sein. Doch wenn er davon spricht, hört er sich nicht wirklich erleichtert an, sondern vielmehr getrübt von Schuldgefühlen. Sein
Mitbewohner erzählt von dem schlechten Gewissen eines Patrioten, der sein Land zurücklässt, ungewiss, ob er es jemals wiedersehen wird.
Herbst 2022 – Hamburg
In Saudi-Arabien möchte er nach sechs Monaten aber auch auf keinen Fall bleiben. Das ungewohnte Wetter, die Kultur und Streitigkeiten beim Job führen schließlich dazu, dass er sich entschließt nach Deutschland zu kommen.
Die Wohnungssuche ist zunächst schwierig bevor Nickolay auf die Plattform „Ukraine Unterkunft“ stößt und dort an Linus weitergeleitet wird, welcher ihn nach einem Videochat direkt bei sich als WG-Mitbewohner aufnimmt. „Ich war überrascht davon, wie die Deutschen den Ukrainer:innen einfach trauen, ohne sie zu kennen“, sagt er gerührt, „sie versuchen immer das beste in uns zu sehen und aus uns herauszuholen“. So zieht er am Donnerstag, den 22.09.22 in die WG in Hamburg.
Es ist nicht sein erstes Mal in Hamburg und er fühlt sich hier deutlich heimischer. Das Wetter ist vertrauter, die Elbe erinnert ihn an den Dnepr in Kiew und die Menschen sind offen, liberal und herzlich. Wirklich anders als in der Ukraine ist in Deutschland nur, dass alles geregelt ist: „der Glasmüll wird nach Farbe getrennt und selbst zum Fischen braucht es eine Lizenz!“ wundert er sich. Selbstverständlichkeiten für uns, die für ihn neu sind. Auch der bürokratische Aufwand ist nervig und selbst mit Linus Hilfe teilweise schwierig zu verstehen. Doch er meint, dass Deutschland schließlich ein großes Land ist und dies ein Weg ist, der auch irgendwie funktioniert. Das liege auch daran, dass die Menschen hier eine andere Mentalität hätten. Illustrieren tut er diese Feststellung mit einem Beispiel: Deutschland ist das einzige Land mit Nahverkehrszugängen ohne Kontrollschalter und dennoch kaufen sich die Leute Bahntickets. Anders als in Kiew ist hier vieles reguliert und auch die Implementation von Gesetzen und Beschlüssen funktioniert durch das Mitmachen der deutschen Bürger:innen. Dies bezeichnet er als den größten Unterschied zu seiner Heimat und alles in allem scheint er sich hier sehr wohlzufühlen.
Zuhause
Bei der Frage, was Zuhause für ihn bedeutet, entsteht zunächst eine lange Stille. Nach einer Weile antwortet er, dass dies schwierig zu beantworten sei, auch da er Anfang zwanzig auswanderte, lange im Ausland lebte und erst kurz vor Corona und dem Kriegsbeginn zurück nach Kiew zog. Er zitiert die Definition eines Freundes: „Zuhause ist, wo die Arbeit ist“. Doch momentan hat er keine Arbeit. Wo also ist sein Zuhause? Es entsteht eine weitere Pause. Er atmet tief ein, kratzt sich am Kopf und sagt dann leicht niedergeschlagen: „momentan nirgendwo“.
Trotz seines Vagabundendaseins ist es immer wieder ein besonderes Gefühl nach Kiew zu kommen. Zuhause sei für ihn aber letztendlich auch dort, wo er sich wohlfühlt, und das tut er auch in Hamburg. Insofern ist wohl auch Hamburg ein Stück weit zu seinem Zuhause geworden, auch wenn es weit entfernt von seiner Heimat ist.
Verluste und Verzweiflung
Um mit der Distanz und Hilflosigkeit umzugehen, hat er angefangen laufen zu gehen. So weit weg von dem Geschehen zu sein ist schwierig und Sport hilft ihm dabei den Kopf freizubekommen. Sein Leben ist inzwischen umgeben von Berichten über neue Opfer und Verluste. Drei Menschen, die er persönlich kannte, sind gestorben. Als er von ihnen spricht, wirkt er abgelenkt, seine Stimme ist belegt.
In dem Chat seiner Schulabschlussklasse erfährt er von dem Tod eines Klassenkameraden, welcher in der Nähe von Bachmut ums Leben kam. Es sind Menschen mit Freunden, Familie und Kindern, die mitten im Leben standen, als Putins Angriff ihnen genau dieses nahm. Menschen, die beim nächsten Klassentreffen fehlen werden.
„Die Friedhöfe sind inzwischen so lang, dass Besucher an die Gräber gefahren werden“, erzählt Nickolay. Es verstört ihn, dass die Menschen sich langsam an den Krieg gewöhnen und Leute inzwischen Sätze sagen wie: „Gestern sind zwei Kinder gestorben. Zum Glück waren es nur zwei; es hätten viel mehr sein können“. Man sieht ihm seine traurige Erschöpfung an, als er seine Verständnislosigkeit über diesen unnötigen Krieg artikuliert, der heute in Europa stattfindet. Und auch seine verzweifelte Hilfslosigkeit, als er meint, dass es nichts gebe, um mit diesen Verlusten umzugehen: „Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels, kein baldiges Ende des Krieges“.
Zukunft – zwischen Ungewissheit und Hoffnung
Wie wird es weitergehen? Wie soll es weitergehen? Fragen, auf die Nickolay keine Antwort weiß. „Keiner kann es stoppen“, aber irgendwie muss es enden. Er stimmt Vitali Klitschkos Aussage zu, dass der Krieg erst zu Ende sein wird, wenn der letzte russische Soldat ukrainisches Territorium verlässt. Einen diplomatischen Weg gebe es nicht und einen Kompromiss darf es nicht geben, da Putins Machthunger niemals gestillt sein wird. Wenn (er benutzt das Wort ‚when‘, nicht ‚if‘) sie gewinnen, wird es nicht nur ein Sieg für die Ukraine sein, sondern auch für Europa.
Daher müsse der Westen die Ukraine weiterhin unterstützen und auch er tut, was er kann. Etwa durch Spenden, durch das Senden von Gerätschaft und Organisieren von Transporten. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass jede:r Ukrainer:in tut, was er oder sie kann. Egal ob an der Front, im In- oder Ausland.
Nickolay möchte in Deutschland bleiben, da er hier eine bessere Zukunft für seine Familie sieht. Zurück in die Ukraine zu ziehen kann er sich tendenziell nicht vorstellen, nur wenn seine Familie das unbedingt möchte. „Alles basiert auf Sprache. Sobald ich einen Platz in den voll besetzten Sprachkursen bekomme, wird alles schneller und leichter werden“, sagt er und lächelt etwas stolz-verlegen während er ein paar Wörter auf Deutsch sagt. Vielleicht wird dann ja auch der bürokratische Papierkram leichter.
Es war ein toughes Interview, zum Schluss sagt er: „Ich hoffe, dass es eines Tages wieder fröhlichere Tage geben wird“. Es ist die Hoffnung, die aus ihm spricht und der Kampfgeist, den Putin in den Ukrainer:innen geweckt zu haben scheint.
