Frauen und Mädchen vor sexualisierter oder häuslicher Gewalt zu schützen, ist für die Mitarbeiterinnen in den Schutzeinrichtungen und Beratungsstellen in Hamburg Alltag. Wie erleben die Mitarbeiterinnen ihre Arbeit? Lilli und Tessa haben mit ihnen darüber gesprochen.
von Tessa Wieschhörster & Lilli Finis
TW/Inhaltswarnung: In diesem Artikel werden verschiedene Gewaltformen wie z.B. sexualisierte Gewalt thematisiert.
Betroffenen-Hilfe in Hamburg
Wie viel nimmst du eigentlich mit, wenn du innerhalb kürzester Zeit vor deiner Familie fliehst, um dich in eine anonyme Schutzeinrichtung zu begeben? Wie die Schutzeinrichtung für junge Mädchen und Frauen eigentlich funktioniert, erzählt eine anonyme Mitarbeiterin der „Zuflucht für junge Mädchen und Frauen“. Sie erzählt, wie die Herausforderungen, aber auch schönen Momente ihres Arbeitsalltages aussehen:
„Anders als in einer Wohngruppe ist keine Zeit für einen langsamen Beziehungsaufbau. Es ist vielmehr eine sehr intensive Zeit, begrenzt auf acht Wochen.“
Die Opferhilfelandschaft in Hamburg differenziert zwischen Frauen und Mädchen. Während sich Frauen an die Frauenhäuser wenden können, sind diese Stellen nicht in der Lage, sich auch um minderjährige Betroffene zu kümmern. Deswegen hat die Einrichtung „Zuflucht“ einen einmaligen Stellenwert in Hamburg: Sie hat viele der Probleme der anderen Einrichtungen nicht, weil sie aus einem Projektfond der Hansestadt finanziert wird. Das heißt aber nicht, dass sie nicht auch einige Probleme hat. Es gibt nur sehr wenige Einrichtungen, die Minderjährige bei sich aufnehmen. Die Differenz der Hilfesuchenden die Kontakt mit der Einrichtung aufnehmen und die Zahl der tatsächlich aufgenommenen Mädchen und jungen Frauen ist sehr hoch. Die Einrichtung ist mit der Anzahl der Anfragen eindeutig überlastet und bräuchte dringen weitere Kapazitäten oder mehr Einrichtungen die minderjährige aufnehmen.
„Zuflucht“ in Hamburg finden
Wir treffen eine Mitarbeiterin der „Zuflucht für junge Mädchen und Frauen“ in der Schanze auf einen Kaffee. Sie wartet bereits draußen an einem Tisch und vor lauter Aufregung geht das Gespräch umgehend los. Es endet nach zweieinhalb Stunden voller Fragen. Ihre Art zu erzählen, zeigt sofort, wie sehr sie ihren Job liebt. Während dem Gespräch berichtet sie leidenschaftlich: „Die Geschichten sind für mich Alltag, betroffen zu reagieren, bringt weder mir noch den Mädchen etwas.“ Die Mädchen können im ersten Gespräch oft das erste Mal frei über ihre Erlebnisse sprechen. „Wenn ich betroffen reagiere, laste ich ihr meinen Schmerz auf, das ist nicht meine Aufgabe“, sagt die Mitarbeiterin. Das Wichtigste für den Anfang sei, erst einmal zuzuhören.
Die Schicksale der Mädchen beschreibt sie als sehr unterschiedlich, häufig handelt es sich häufig um Zwangsheirat und Autonomieeinschränkungen. Die Gewalt ist häufig von Anfang an da: Sie kann gezielte Folter, Freiheitsberaubung, Lebensmittelentzug, Missbrauch von Familienmitgliedern, sexuelle und emotionale Gewalt bedeuten und sich bis zu Menschenhandel ohne Papiere und Unwissen über das eigene Alter erstrecken. Ein Auslöser zur Flucht ist in manchen Fällen, eine erste Beziehung zu haben.
Zahlen sexualisierter Gewalt in Hamburg

Nach Angaben der Studie „Lebenssituationen, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) aus dem Jahr 2004 leben in Hamburg rund 125.000 Frauen, die mindestens einmal im Leben Betroffene von strafrechtlich relevanter sexualisierter Gewalt wurden. Die Einrichtungen in Hamburg bekommen das, und die in den letzten Jahren steigenden Zahlen, tagtäglich zu spüren. Auch in diesem Jahr geht aus der Hamburger Polizeistatistik ein deutlicher Anstieg der polizeilich bekannten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung hervor. Allein in den Monaten von Januar bis September sind 210 schwere Sexualdelikte bei der Hamburger Polizei angezeigt worden. Das ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Anstieg von mehr als 37 Prozent.
Ein Kampf gegen die Strukturen des Systems
Stefanie Leich leitet seit neun Jahren das Frauenhaus des Diakonischen Werkes in Hamburg. In dieser Zeit hat sie schon Vieles gesehen. Doch was sich durch all die Jahre zieht, ist ein Aufmerksamkeitsdefizit für ihre Arbeit. Öffentlichkeit und Politik interessieren oder engagieren sich nicht genug gegen geschlechtsspezifische Gewalt.
Die Gründe, weshalb Frauen ein Frauenhaus aufsuchen und Hilfe in Anspruch nehmen, sind sehr vielseitig. Gewalt ist hierbei häufig “nur“ ein Faktor. Die sozialen Situationen der Betroffenen sind meist kompliziert und individuell sehr unterschiedlich: Faktoren wie Familiensituation, Wohnsituation, Arbeitsumgebung oder die schulische Situation spielen hierbei eine bedeutende Rolle. Häufig fehlt der ausreichende Background, um die Betroffenen aufzufangen. Die Situationen sind ebenso vielseitig wie die Menschen selbst. „Die Entwicklung der Gewaltsituationen erstreckt sich häufig über Jahre hinweg, was den Prozess, sich aus diesen zu lösen, umso komplizierter macht.“, erzählt Leich. Sie und Ihre Mitarbeitenden kämpfen jeden Tag für eine Verbesserung der Lebenssituationen der Betroffenen. Doch Leich macht deutlich: Wenn von der Politik und Öffentlichkeit nur wenig Unterstützung kommt, wird ihr Bestreben mühsam und langwierig bleiben.
Öffentlichkeit und Politik interessieren oder engagieren sich nicht genug gegen geschlechtsspezifische Gewalt.
Auch deswegen steht die Mitarbeitenden der Frauenhäuser täglich vor herausfordernden Situationen. Eine ausreichende Unterstützung ist aufgrund des Zeit- und Personalmangels so gut wie unmöglich. Die Schutzsuchenden begegnen einem hohen bürokratischem Aufwand, welchem sie meist selbst nicht gerecht werden können. Dazu kommen häufig sprachliche Barrieren.
Sexualisierte Gewalttaten sind für die Betroffenen häufig folgenschwer. Um mit ihren Fragen und Sorgen nicht allein zu bleiben, wenden sich viele Ratsuchende in Hamburg an den Frauennotruf. Im Jahr 2020 waren dies mehr als 450. Sarah Danielewski ist eine der Ansprechpartnerinnen: „Unsere Fachberatungsstelle bietet einen Schutzraum, in dem das geteilt und besprochen werden kann, was die Ratsuchenden bewegt: Gedanken und Gefühle rund um die erlebte Gewalt, zu Traumafolgen oder Informationen zur Anzeigenerstattung. Oft geht es aber auch um kraftspendende Ressourcen und Selbstwirksamkeitserleben.“
Sexualisierte Gewalt begegnet Frauen jeden Alters überall
Frauen in jedem Alter melden sich, ob am Arbeitsplatz, zu Hause oder in der Bahn – sexualisierte Gewalt begegnet ihnen überall.
Nicht immer handelt es sich um akute Situationen, wie sie in Frauenhäusern vorzufinden sind. „Ratsuchende wenden sich kurz nach der Tat, nach mehreren Wochen und Monaten oder erst viele Jahre später an uns.„, erzählt Sarah Danielewski. Häufig spielt die Scham eine große Rolle, weshalb die Beratung auch vollkommen anonym erfolgen kann. Und: „Teilweise begleiten wir Betroffene über Monate und Jahre hinweg. Manchmal sind Situationen komplex, manchmal brauchen Krisenintervention und Stabilisierung Zeit und Raum.“
Betroffenen fehlt häufig der richtige Umgang in ihrer Situation. Die Mitarbeitenden des Frauennotrufs sind genau darauf geschult und können die richtige psychologische Hilfe bieten. Auch nach Danielewski fehlt es am richtigen Umgang mit sexualisierter Gewalt in der öffentlichen Diskussion. Häufig als Tabu angesehen, geschieht es jedoch in Hamburg tagtäglich – Prävention hingegen nur selten.

Was sagt die Stadt Hamburg dazu?
Die Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg bezieht dazu in ihrem Bericht von 2020 zur „Umsetzung des Konzeptes zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Menschenhandel und Gewalt in der Pflege“, Stellung:
„Hamburg hat sich bereits seit längerem auf den Weg gemacht, die Istanbul-Konvention umzusetzen. Insbesondere der Ausbau des Hamburger Unterstützungssystems und die bundesweite Einführung der psychosozialen Prozessbegleitung haben die Schutz- und Unterstützungsmöglichkeiten für von Gewalt betroffene Frauen weiter ausdifferenziert.“
Aus den Gesprächen geht hervor, dass eine konkrete Umsetzung der Maßnahmen an vielen Stellen noch nicht zu spüren ist oder nicht ausreicht. Die Ziele dürfen nicht nur politische Idee bleiben, sie müssen in den Alltag umgesetzt werden und können vielleicht wirklich etwas bewegen.
Es braucht viel mehr Hilfe
Die Situation für von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen und Mädchen in Hamburg ist vielseitig. Zahlreiche Mitarbeitende und Freiwillige setzten sich für den Schutz und die Hilfe Betroffener ein. Doch auch wenn von der Stadt geförderte Projekte, wie das der „Zuflucht“, ein guter Grundstein sind, ist es noch ein weiter Weg nach oben. Die Mitarbeitenden in den Einrichtungen setzen sich mit voller Tatkraft für die Betroffenen ein, doch wenn von Seiten der Politik keine Veränderung vornagetrieben, wird, bleibt dieser weg ein mühsamer und kräftezehrender. Bereits ab dem Alter von 14 Jahren fliehen Mädchen aus ihren Familien, um sich zu schützen. Die Einrichtungen sind so überlastet, dass sie trotz allem Mädchen und Frauen ablehnen müssen.
Es wäre dringend nötig die Anzahl der Einrichtungen zu erhöhen oder den Einrichtungen zu ermöglichen, mehr Frauen aufnehmen zu können. Die geleistete Arbeit der Mitarbeiterinnen ist ein gesellschaftlich wichtiger Teil zur Unterstützung von Frauen in so einer schwierigen Lebenslage. Es liegt ein strukturelles Problem vor. Frauen haben oft, aufgrund von mangelnden Kapazitäten, nicht die Möglichkeit, ihre bedrohlichen Lebenssituationen zu verlassen. Dieses Thema braucht dringend mehr Aufmerksamkeit und muss gesellschaftlich als auch politisch aufgearbeitet werden. Wie soll es sonst weitergehen für Frauen, die es schaffen, aus einer gewaltvollen Umgebung zu fliehen?
Tessa Wieschhörster & Lilli Finis
Wenn ihr selbst oder Mitmenschen von euch von Gewalt betroffen sind, könnt ihr euch hier melden:
Anmerkung der Redaktion: Am 25.11. ist nicht allein der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“, sondern viele nutzen den Tag auch, um auf Gewalt gegen FLINTA*-Personen aufmerksam zu machen. Leider ist das Angebot für diese Menschengruppe noch kleiner, als das für cis Frauen. Lilli und Tessa haben aber darauf hingewiesen, dass wenigstens der Frauennotruf auch für FLINTA*-Personen gedacht ist. Außerdem schreibt Allerleirauh e.V.: : „Wir schreiben Mädchen* und Frauen* mit Sternchen. Damit möchten wir signalisieren, dass wir „Mädchen“ und „Frau“ als Selbstbezeichnung verstehen. Wir bieten Beratung für trans* und cis Mädchen* und Frauen*, nicht-binäre und genderqueere Menschen.“
Frauenhäuser:
Autonome Frauenhäuser
- 24/7-Hamburger Frauenhäuser (Notruf): 040/8000 4 1000
24-7-frauenhaeuser-hh.de - Frauen helfen Frauen Hamburg e.V. Frauenhaus Tel.: 040/197 02
2. Hamburger Frauenhaus Tel.: 040/677 82 80
4. Hamburger Frauenhaus Tel.: 040/197 04
5. Hamburger Frauenhaus Tel.: 040/197 15
Schutz und Unterkunft für Frauen und ihre Kinder bei Gewalt und Misshandlung (Tag und Nacht)
Frauenhaus des Diakonischen Werkes
(6. Hamburger Frauenhaus) Tel.: 040/192 51
Frauenhaus für den Landkreis Harburg
(Arbeiterwohlfahrt)
Tel.: 04171/600 60 (Einsatzleitzentrale)
Häuser für Mädchen und junge Frauen:
Mädchenhaus Hamburg
Tel.: 040/15 32 71 (Tag und Nacht)
Vorübergehende Wohnmöglichkeit für Mädchen von 13 bis 17 Jahren
ZUFLUCHT
Tel.: 040 / 38 64 78 78
zuflucht@basisundwoge.de, www.basisundwoge.de (Schutz vor Zwangsheirat und familiärer Gewalt für junge Migrantinnen).
Beratungsstellen:
Frauennotruf: Tel.: 040/255566; Fachberatungsstelle für vergewaltigte Frauen und Mädchen.
Allerleirauh
Tel.: 040/29 83 44 83, Hammer Steindamm 44
www.allerleirauh.de
Beratung bei sexuellem Missbrauch für Mädchen und junge Frauen
sowie für Mütter und Bezugspersonen
Dolle Deerns
Tel.: 040/43 44 82, Sternstraße 106
www.dolledeerns.de
Beratung für sexuell missbrauchte Mädchen und junge Frauen
sowie für Eltern und Bezugspersonen
