Rassismus im Profifußball: Die Täter gewinnen, die Opfer verlieren 

Vor dem Achtelfinal gegen Deutschland 29. Juni 2021 © Pool-Foto von Matthew Childs Vor dem Achtelfinal gegen Deutschland 29. Juni 2021 © Pool-Foto von Matthew Childs

Fußballfans aus allerlei Ländern treffen diesen Sommer bei uns in Deutschland ein, um die Spiele der Europameisterschaft gebannt zu verfolgen und ihre Liebe zu diesem Sport zu teilen. Jedoch scheint der Enthusiasmus manchen Fans wohl zu Kopf zu steigen und wandelt sich dabei schnell in Hass um. Rassismus ist leider kein Problem der Vergangenheit. Zusätzlich zum Leistungsdruck unterliegen Spieler mit Migrationshintergrund, vor allem schwarze Spieler, rassistischen Beleidigungen und unfairer Behandlung. 

von Belinda d’Almeida und Esther Keane

Rückblick auf die letzten Europameisterschaften

Wir dürfen den rassistischen Aufschrei der England-Fans gegen schwarze Spieler der englischen Fußballnationalmannschaft bei der EM 2021 nicht vergessen. In den letzten 10 Minuten des EM-Finales verschossen Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka drei Elfmeter, was zum Sieg der italienischen Nationalmannschaft führte. Die Reaktion der England-Fans: Sie drückten ihre Enttäuschung in Form von fast 2000 rassistischen Tweets aus, die sich gegen die drei schwarzen Spieler und Raheem Sterling, einen weiteren schwarzen Spieler, richteten. 

In der Tat wurde das multikulturelle Bild Englands, das die Nationalmannschaft widerspiegelt, nicht von jedem selbstbenannten „Fußballfan“ gefeiert. Dr. Ahmed Ali brachte es am 12. Juli 2021 in einem Tweet auf den Punkt: „Wenn du gewinnst, bist du Engländer. Wenn du verlierst, bist du schwarz“. Und dieser Satz gilt heute noch für die englische Nationalmannschaft sowie viele der anderen Nationalmannschaften, die in den kommenden Wochen an der EM 2024 teilnehmen werden – unteranderem Spanien und Deutschland.

 

v.l.n.r: Marcus Rashford, Raheem Sterling, Jadon Sancho, Ben Chilwell und Bukayo Saka. Die vier Spieler wurden nach der Niederlage im EM-Finale gegen Italien im Internet rassistisch beschimpft ©John Sibley, AFP, Getty Images

Rassismus im spanischen Fußball 

Nachdem Cheikh Sarr einen Fan, der ihn rassistisch beleidigt hatte, zur Rede gestellt hatte, wurde der Spieler der spanischen Mannschaft für zwei Spiele gesperrt. „Er scheint für alles verantwortlich gemacht zu werden“, sagte der Kapitän der Mannschaft, einem spanischen Fernsehsender. „Es scheint, dass der Täter ungeschoren davonkommt… die Botschaft scheint zu sein, dass alles erlaubt ist.“ Während Sarr und sein Team  bestraft werden, kommt der Fan der gegnerischen Mannschaft heil davon.  

Ein weiterer Aspekt, über den nicht oft gesprochen wird, sind die Auswirkungen rassistischer Übergriffe auf die Spieler. Ende März wurden Rassismus und Fußball zu einem Dauerthema in den spanischen Medien, nachdem der Fußballprofi Vinicius Jr. auf einer Pressekonferenz unter Tränen über den Rassismus, den er erlebte, sprach. „Ich verliere mehr und mehr die Lust am Spielen“, sagte der Real Madrid-Vorfelder, „Aber ich will immer weiterkämpfen“. 

„Deshalb gehen wir auf die Knie“ 

Während der EM 2020 knieten die englischen Nationalspieler bei jedem Spiel kurz vor dem Anpfiff auf dem Spielfeld. Ein Zeichen gegen den bereits vorhandenen Rassismus, dem schwarze Spieler sowohl beim Amateur- als auch beim Profifußball ausgesetzt sind. Auch die deutsche Nationalmannschaft hat in dem EM-Achtelfinalspiel gemeinsam mit England gekniet. „Zwei Teams. Eine Botschaft“ twitterte der DFB nach dem Spiel. 

Doch trotz dieser kraftvollen Gesten wie beispielsweise der Lobbyarbeit antirassistischer Sensibilisierungskampagnen wie „Kick It Out“ (eine britische Gruppe, die sich gegen alle Formen der Diskriminierung im Sport einsetzt) wurde eine Welle rassistischer Online-Beschimpfungen ausgelöst. „Deshalb gehen wir auf die Knie“, twitterte Politiker David Lammy, der auch Schwarz ist, nach dem Ausbruch. „Wir beten für eine bessere Zukunft, die der Werte, der Schönheit und des Respekts würdig ist, die jeder einzelne englische Spieler verkörpert.“ 

Rassismus im deutschen Profifußball 

Rassismus im Profifußball ist jedoch nicht nur evident in England und Spanien. Das Problem ist in vielen Ländern präsent, auch bei uns in Deutschland. 

Laut einer im März 2022 veröffentlichten Umfrage von Statista nehmen mehr als die Hälfte der Fans, Spieler und Funktionäre in Deutschland Rassismus im Profi- und Amateurfußball als präsent wahr. 40% empfanden sogar, dass der Rassismus zugenommen hat. 

Der Fall des HSV-Spielers Bakery Jatta sorgte 2019 für Aufsehen in der deutschen Bundesliga. Zweifel an seinem Namen und seinem Alter führten dazu, dass mehrere Vereine, die 2019 gegen den HSV verloren hatten, Einspruch einlegten. Denn hätte sich herausgestellt, dass Jatta schuldig ist, wäre er nicht spielberechtigt gewesen. Die Spiele gegen den HSV hätten damit im Nachhinein zugunsten der Verlierer gewertet werden können. 

Dass ein Profispieler mit einem Aufenthaltstitel unter falschen Angaben in Deutschland lebt, kann natürlich nicht einfach so im Raum stehen. Dementsprechend musste auch ermittelt werden. Jedoch würden die Angaben, selbst wenn sie falsch gewesen wären, nichts an den Leistungen des aus Gambia geflüchteten Spielers ändern. Ein anderer Nachname und ein Altersunterschied von zweieinhalb Jahren wirken sich nicht auf die Ergebnisse der Spiele aus. Der Vorwurf hatte jedoch zur Folge, dass diese Angriffsfläche genutzt werden konnte. Die Medien berichteten eifrig über das Geschehen. Vor allem die BILD, deren Recherche den Fall ins Rollen brachte, berichtete ausführlich über die Situation. Mit Schlagzeilen wie Vom Flüchtling zum Bundesliga-Star – So lief Jattas HSV-Karriere – Hat er vor seinem Märchen-Aufstieg alle belogen? oder HSV-Star Jatta sollte seine wahre Geschichte erzählen wurde der Fall medial ausgeschlachtet. Im März 2023 verkündete das Landgericht Hamburg, dass das Verfahren gegen Jatta endgültig eingestellt wurde. Er spielt weiterhin noch beim HSV. 

Verstimmte Fußballfans behielten ihren Frust nicht für sich. In den sozialen Medien überschlugen sich die Hasskommentare. Leider sind rassistische Beleidigungen von Fans während Fußballspielen keine Neuheit. Obwohl Statistiken des DFB sinkende Zahlen in den letzten Jahren aufweisen, präsentiert ein Pilotprojekt aus Nordrhein-Westfalen eine andere Auffassung. Laut eines im September 2023 erschienenen Beitrags von Sport im Osten wurden in dem Pilotprojekt Meldungen von 211 Hinweise, davon 95 im Profifußball, auf rassistische Vorfälle seit Juli 2022 erfasst. Hierbei werden auch rassistische und rechte Symbole sowie Hass auf sozialen Medien dokumentiert. Diskriminierende Beiträge auf sozialen Medien haben zugenommen, aber auch private Nachrichten mit rassistischen Beleidigungen und Drohungen an Spieler sind keine Seltenheit. RB Leipzig Spieler und diesjähriger Nationalspieler Benjamin Heinrichs machte letztes Jahr Nachrichten öffentlich, in denen er und seine Familie rassistisch beleidigt wurden.  

ARD-Umfrage über Rassismus 

Wenige Wochen vor der EM wurde eine Umfrage über die Meinung der Öffentlichkeit zu Fußballspielern mit Migrationshintergrund in der Deutschen Fußballnationalmannschaft von der ARD veröffentlicht. Die 1.304 Befragten sollten sich zu drei Aussagen positionieren: „Ich fände es besser, wenn wieder mehr weiße Spieler in der deutschen Nationalmannschaft spielen“; „Ich finde es gut, dass in der deutschen Mannschaft mittlerweile viele Fußballer spielen, die einen Migrationshintergrund haben“ und  „Ich finde es schade, dass der derzeitige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft türkische Wurzeln hat.“ 

Die Ergebnisse: 21% geben an, dass sie es besser fänden, wenn mehr weiße Fußballspieler in der deutschen Nationalmannschaft wären. 66% finden es gut, dass mittlerweile viele Spieler in der Nationalmannschaft einen Migrationshintergrund haben.

Bundestrainer Julian Nagelsmann verurteilte die Fragen sowie die rassistische Antwort der 21% auf diese Fragen. Er hebt die Vorbildfunktion und die Vielfalt der deutschen Fußballnationalmannschaft hervor: „Eine Fußball-Mannschaft kann Vorbild sein, wie man verschiedenen Kulturen, religiöse Hintergründe und Hautfarben in eine Gruppe vereint“. Lorenz Narku Laing, Professor für Sozialwissenschaften und Rassismusforschung an der Evangelischen Hochschule Bochum und zertifizierter Diversitytrainer, findet diese Umfrage jedoch wichtig. Deutschlandfunk sagte er, dass er nachvollziehen könne, woher der Drang komme, Rassismus unsichtbar zu machen. Es sei jedoch wichtig, Rassismus zu bearbeiten, um ihn zu überwinden.

Dass jeder Fünfte in dieser Befragung es besser fände, wenn mehr weiße Fußballspieler in der deutschen Nationalmannschaft wären, zeichnet ein eher beunruhigendes Bild. Das Video der Pfingst-Party auf Sylt, welches im Mai für Aufsehen sorgte, lässt im Zusammenhang mit dieser Umfrage darüber nachdenken, wie es wohl in den Stadien während der EM-Spiele oder auch bei Public Viewings aussehen wird