Die Erwartungen waren groß, als das neue Buch des deutsch-bosnischen Schriftstellers Saša Stanišić erschien. Schließlich war „Herkunft“, sein letztes Buch, 2019 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Fünf Jahre später kommt nun Stanišićs neuestes Werk mit dem Titel „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“ heraus. Es ist ein Kurzgeschichtenband, der sich stark von seinen vorigen Werken unterscheidet – im Guten wie im Schlechten.
„Für manche ist das Glück bloß umständehalber spärlicher gesät“
Besonders war an Stanišić schon immer, dass er die Leser:innen nah an sich heranlässt. Viele seiner großen Romane sind in irgendeiner Weise autobiographisch gefärbt. So auch die erste Kurzgeschichte seines neuen Buches, in der es um Fatih, Nico, Piero und Saša geht. Die vier Jungs wachsen gemeinsam in einem migrantisch geprägten Viertel in Heidelberg auf und spüren die soziale Kälte der Bundesrepublik, denn sie alle sind „Ausländer“.
Selbst Nico fühlt sich wie ein „Ausländer“, obwohl seine Mutter aus der DDR kommt oder vielleicht gerade deswegen.
Dass die Geschichte 1994 spielt, ist kein Zufall. Der Autor selbst floh 1992 mit seinen Eltern wegen des Bosnienkrieges aus seiner Heimat nach Heidelberg. Genauso wie Stanišić damals erwarten die vier Jungs kaum etwas von ihrer Zukunft in diesem ärmlichen Bezirk Heidelbergs, in dem kein einziger Baum steht und in dem sie in Wohnungen leben, denen die vier Jungs möglichst lange entfliehen wollen. Dieser Hoffnungslosigkeit, die die Teenager dort spüren, setzt der Autor in der Geschichte etwas entgegen und lässt einen der Jungs, Fatih, einen „Anproberaum fürs Leben“ erfinden. In diesem können sie laut Fatih verschiedene Zukünfte schon einmal ausprobieren und so einen Geschmack vom Verlauf ihres Lebens bekommen.
Aber was ist, wenn die Zukünfte für die vier Jungs aus einem armen Randbezirk nur schlecht sind? Fatih möchte nicht daran glauben und erklärt: „Für manche ist das Glück bloß umständehalber spärlicher gesät“. Bedeutet: Auch als Migrant:in in einem Land, dass dich nicht willkommen heißt, kann deine Zukunft nicht ausschließlich beschissen sein. Man benötigt wenig Fantasie, um darin eine Forderung zu erkennen: Jeder Mensch sollte die gleichen Chancen auf ein glückliches Leben haben, egal, woher er kommt.
Literatur als „Anproberaum für eine bessere Zukunft“
Diese Geschichten über Herkunft und das schwierige Aufwachsen in einem fremden Land kennt man schon von Stanišić. Besonders interessant wird es dann, wenn sich der Autor ganz neuen Figuren widmet. Da ist zum Beispiel Gisel, um die es in der titelgebenden Geschichte des Buches geht. Seit ihr Mann Hermann gestorben ist, kämpft die Witwe mit dem Alleinsein: „Mit Hermann war nicht alles leicht gewesen, aber das meiste“.
Noch schlimmer: Sie schämt sich regelrecht für ihre Einsamkeit. Ihre Situation scheint hoffnungslos, bis sie eines Tages entscheidet, ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen.
Stanišić erschafft hier eine liebenswürdige Figur, die mit einem Problem hadert, das aktueller nicht sein könnte. Expert:innen bezeichnen Einsamkeit als „die vielleicht größte Volkskrankheit in Deutschland“. Ohnehin kauft man kaum einem Autor die bedingungslose Liebe für seine Figuren so ab wie Stanisic. Er liebt Gisel, Georg Horvath, der mit seiner neuen Rolle als Vater kämpft und die vielen anderen, völlig verschiedenen Figuren. Ihnen allen gibt er die Kraft, ihr Leben entscheidend zu verändern und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Auffällig ist, wie optimistisch sie alle sind, ihr Leben und das von anderen zum Guten zu wenden. Wesentlich optimistischer als der Autor selbst, wie er bei einer Lesung des Buches im Thalia Theater einräumt. In seiner Literatur macht der Schriftsteller Dinge möglich, an die er selbst nicht glaubt – sie ist sein persönlicher Anproberaum für eine bessere Zukunft.
Sprachlich wie ein Stand-up-Comedy Programm
Ausgerechnet in den drei Geschichten um den hadernden Vater Georg Horvath wird allerdings ein Problem des Buches deutlich: Die Geschichten sind zunächst eine einzige Anneinanderreihung von Feel-Good-Episoden, in denen der Autor recht deutlich seine eigenen Erfahrungen als junger Vater verarbeitet. Das ist wenig überraschend, da Stanišić‘ Bücher schon immer humorvoll und vordergründig leichtfüßig daherkamen.
Im neuen Buch lesen sich allerdings einige Passagen wie Skripte einer Stand-up-Comedy-Show, die die Geschichte nur als Vehikel für den nächsten Kalauer nutzen. Dieser Stil zieht sich leider durch die meisten der 12 Kurzgeschichten, wodurch diese sprachliche Finesse einbüßen. Anfangs wirken außerdem die vielen umgangssprachlichen Sätze noch lebhaft und vermitteln eine gewisse Nähe zu den Charakteren. Doch im Verlauf des Buches leidet die Sprache deutlich darunter und Stanišić‘ sonst so poetische Ausdrucksweise scheint nur selten durch die Zeilen.
Betretet den „Anproberaum“ eurer Zukunft
Obwohl „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“ sprachlich nicht an seine Vorgänger heranreicht, zeigt der Autor doch auf inhaltlicher Ebene sein ganzes Talent. Jede Figur strotzt nur so vor Einfallsreichtum und Kreativität, wobei kein Charakter dem anderen gleicht.
Im Laufe des Buches verbindet der Autor sogar vorsichtig einige Erzählungen miteinander, ohne dabei ein willkürliche Referenzgewitter handelsüblicher Franchise-Blockbuster nachzuahmen. Jede einzelne Verbindung hat seine Berechtigung und erzeugt das Gefühl, statt einer losen Kurzgeschichtensammlung einen kohärenten Roman zu lesen. Um alle Figuren kennenzulernen, muss man das Buch wohl aber selbst lesen. Womöglich erkennt sich der ein oder die andere auch in einer der vielen verschiedenen Figuren wieder. So oder so: Es lohnt sich den literarischen Anproberaum der (eigenen) Zukunft zu betreten und dieses Buch zu lesen.
Autor: Saša Stanišić
Titel: „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“
Verlag: Luchterhand
Preis: 24,00€ (Hardcover)
Seitenzahl: 252
ISBN: 978-3-426-44681-2
