Was der spanische Nationalfeiertag über Kolonialismus und Ausbeutung verrät

Am 12. Oktober 1492 erreichte Christopher Columbus mit seinem Schiff die Karibik und leitete den Beginn einer jahrhundertelangen Tradition von Versklavung und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung ein. 2022 feiert man in Spanien das große 530-jährige Jubiläum dieses Tages. Doch für viele Ureinwohner:innen verbinden sie etwas anderes mit dem Tag. Für die Spanier*innen ist es ein harmloser Nationalfeiertag, wo man seinen Nationalstolz preisgibt, aber für die Mehrheit der Ureinwohner*innen bedeutet der Tag die Versklavung ihres Volkes. Weltweit gibt es immer noch Statuen, die die Errungenschaften von Columbus loben. Auch in Spanien gibt es noch eine Statue in Cádiz. Spanien hat im 15. und 16. Jahrhundert mit der Kolonialisierung Südamerikas begonnen, angetrieben durch Kolumbus’ Entdeckung. Das Resultat ist eine Geschichte von Indigenen, die durch eingeschleppte Krankheit und Versklavung fast ausgerottet wurden. Am 12. Oktober erinnern sie sich an die Getöteten und Versklavten. 2020 haben sich Ureinwohner*innen aus Lateinamerika in Madrid am spanischen Nationalfeiertag versammelt, um die Ankunft von Columbus aus der Perspektive ihres Volkes nachzuspielen. 

 Aber dennoch versucht Spanien an diesem Tag auch Lateinamerika einzubeziehen, um die Stärke zwischen beiden Ländern zu betonen – was immer noch auf viel Ablehnung stößt.

Es gab keine Entdeckung Amerikas 

Kolumbus entdeckte niemals Amerika. Vor der Ankunft von Columbus wohnten bereits viele Völker im heutigen Südamerika. Dennoch ist das Bild von Columbus mit seinen Kameraden hängen geblieben, der die Ureinwohner*innen feierlich grüßt.

Mit Columbus verbinden viele Ureinwohner*innen deswegen etwas weitaus traurigeres als einen heldenhaften Seefahrer. Die Ankunft von Christopher Columbus bedeutet Unterdrückung, der sie sich jahrhundertelang unterziehen mussten. Jedes Jahr an diesem Tag versuchen Aktivist*innen auf Instagram auf die Unterdrückung durch Columbus aufmerksam zu machen. 

In Spanien sieht es am 12. Oktober ganz anders aus. 2022 feiert das Land das 530-jährige Jubiläum. Die Stadt war dem Anlass entsprechend feierlich in den Flaggenfarben geschmückt, es gab Militärparaden und die königliche Familie zeigte sich in der Hauptstadt. Der damalige spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy hat 2015 in El País den Nationalfeiertag vor Kritiken verteidigt: es sei ein Tag, der für alle Hispanics, sowohl in Spanien als auch in Lateinamerika, geschaffen sei. 2022 hat sich seine Meinung anscheinend durchgesetzt: Tage vor dem Jubiläum schmückten die Flaggen lateinamerikanischer Länder das Rathaus in Madrid. Die Botschaft war eindeutig: der Tag verbindet Spanien mit Lateinamerika.  

Dennoch darf nicht vergessen werden, dass diese Verbindung durch Kolonialisierung entstanden ist. Die indigene Bevölkerung wurde von Spanien versklavt und unterdrückt.  Für sie ist diese Verbindung eine schmerzhafte Erinnerung an die koloniale Vergangenheit. Für viele Ureinwohner*innen ist es schwierig mitanzusehen, dass dieses koloniale Erbe Jahr für Jahr weiterhin gefeiert wird. In Bolivien daher gedenkt man am 12. Oktober den Ureinwohner*innen, statt Columbus Day heißt es Decolonization Day. Doch es bleiben weiterhin viele Bürger*innen wie Rajoy, die die koloniale Vergangenheit für einen Tag ausblenden, um einen Nationalfeiertag zu feiern.

Wohin mit den Columbus-Statuen?

Der mexikanische Präsident Obrador hat 2020 von Spanien eine Entschuldigung für die Kolonialverbrechen verlangt. Im selben Jahr wurde in Mexico City eine Statue von Columbus im Paseo de la Reforma entfernt. Dass Statuen in den letzten Jahren ein unglückliches Schicksal erfahren, hat sich bereits in den Black Lives Matter Protesten in 2020 ereignet. Die Statue des Sklavenhalters Edward Colston wurde von Demonstrant*innen in Bristol niedergerissen. Die Statuen, die vorher seit Jahrzehnten an öffentlichen Plätzen standen, wurden beschmiert oder nun nach Jahren kritischer hinterfragt: warum steht ein Bild eines Sklavenhändlers an einem öffentlichen Platz?

In Venezuelas Hauptstadt Caracas wurde bereits 2004 eine Statue von Columbus entfernt, mit der Begründung das sie ein Symbol für den Genozid an die Ureinwohner*innen Lateinamerikas darstelle. Jahrhunderte nach der Kolonialisierung erleben Ureinwohner*innen zahlreiche Diskriminierungen im Alltag. Eine Umfrage in 2020 hat in Mexiko herausgefunden, dass 24% der indigenen Bevölkerung Diskriminierung erfahren haben und 75.6% fühlten sich nicht wertgeschätzt in der Gesellschaft. Mexikaner*innen mit hellerer Hautfarbe, die häufig europäische Vorfahren haben, absolvieren zehn Schuljahre, wobei dunkelhäutige Mexikaner*innen nur 6.5 Jahre zur Schule gehen.

  Auch indigene Sprachen wurden in Mexiko verboten und Spanisch wurde durchgesetzt. Heute sprechen deswegen nur noch wenige Ureinwohner*innen ihre Sprachen. Das Erbe von Columbus ist ein bitteres für die Ureinwohner*innen, die immer noch mit den Konsequenzen der Kolonialisierung leben müssen. 

Die Zukunft des Nationalfeiertags 

Das alles führt zu einer steigenden Glorifizierung von Columbus. US-Präsident Benjamin Harris hat Columbus 1892 als ,,pioneer of progress and enlightenment“ bezeichnet. Dieser Eindruck von Columbus hat sich bis heute nicht stark verändert. Ein Gemälde von John Vanderlyn aus dem Jahr 1847 zeigt Columbus und seine Mannschaft, die gerade vom Schiff gestiegen sind. Der Fokus liegt auf ihm, der die Hand hochhält und das Land für sich beansprucht. Die Ureinwohner*innen sind am Rande des Bildes gedrückt, obwohl sich für sie Jahrhunderte der Unterdrückung anbahnen wird.


Heutzutage spricht man immer noch von der Entdeckung Amerikas, obwohl Ureinwohner*innen lange vor den europäischen Seglern dort gewohnt haben. In Matthew Restalls Buch Seven Myths about the Spanish Conquest spricht er davon, wie sehr unser heutiges Verständnis von Columbus durch seine Glorifizierung geprägt ist. Obwohl bereits viele Columbus Statuen vandalisiert wurden, gibt es keine konkreten Pläne, den spanischen Nationalfeiertag auf einen anderen Tag zu verlegen. Für die Ureinwohner*innen bleibt nichts zum Feiern. Sie gedenken am 12. Oktober den Opfern kolonialer Gewalt. Auch wenn alle Statuen von Columbus oder anderen Sklavenhändlern entfernt werden würden, bleibt die Geschichte der Ureinwohner*innen. Columbus’ Bild ist in Mythen eingetaucht, die ihn als Helden verklären. Anstelle zu feiern, muss man an diesem Tag über die Ausbeutung der indigenen Völker lernen.

Yasmin Orouji