SIM-Karten und Seelsorge: Ein FSJ in der Seemannsmission

Die Deutsche Seemannsmission Hamburg-Altona. (Foto: Lilly Palmbach)

Seeleute arbeiten oft unter schlechten Bedingungen. Wenn ihre Schiffe im Hamburger Hafen liegen, bietet die Seemannsmission Altona ihnen eine Anlaufstelle. Dort wartet auch FSJlerin Chantal auf Menschen aus aller Welt. Sie erzählt von ihren Aufgaben, Herausforderungen und neuen Erfahrungen.

Von Lilly Palmbach

Es ist ein milder Donnerstag im Juni. Alles liegt bereit in der Deutschen Seemannsmission (DSM) in Hamburg-Altona. Chantal aktiviert die letzten SIM-Karten, damit sie für den Verkauf an Seefahrer:innen bereit stehen. Durch das offene Fenster hört man Möwen kreischen und Maschinen im Hafen arbeiten. Am nahen Kreuzfahrtterminal legt die MSC Magnifica an. Das 293 Meter lange Kreuzfahrtschiff bietet Platz für mehr als 2500 Passagiere. Die Besatzung umfasst über 1000 Personen. Das DSM-Team hat sich daher auf einen großen Ansturm vorbereitet. Doch er bleibt aus. „Man weiß nie genau, wie viele kommen. Es kann sein, dass zwei Leute kommen. Es kann aber auch sein, dass da plötzlich 30 oder mehr stehen“, sagt Chantal. Sie macht seit September vergangenen Jahres ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der Seemannsmission. Heute hat sie die Mittelschicht von 13 bis 21 Uhr, steht mit Collin – ebenfalls FSJler – hinter dem Tresen des Clubs der Seemannsmission und wartet auf Besucher:innen. Für ihr FSJ ist sie aus dem Süden Deutschlands nach Hamburg gezogen, hat die Schule am Bodensee durch eine Arbeitsstelle direkt an der Elbe ersetzt.

Chantal ist seit September 2021 FSJlerin der DSM Hamburg-Altona. In Hamburg hat sie ein neues Zuhause gefunden. (Foto: Lilly Palmbach)

Ungerechtigkeit auf hoher See

Die Seemannsmission in Altona ist eine von 32 solcher Einrichtungen weltweit. Unter ihrem Leitspruch „support of seafarers‘ dignity“ bieten sie in Häfen eine Anlaufstelle für Seeleute. Obwohl er für die globalisierte Welt unabdingbar ist, sei der Job der Seefahrer:innen kaum beachtet und wertgeschätzt. „Seeleute werden in der heutigen Zeit immer häufiger vergessen. Die Arbeitsbedingungen sind an Bord aber sehr schlecht“, so Chantal. Häufig fahren die Schiffe unter der Flagge eines anderen Landes, welches niedrigere Anforderungen an Technik und Arbeitsbedingungen an Bord stelle. So auch die MSC Magnifica, sie fährt unter der Flagge Panamas. Während die Seeleute auf Kreuzfahrschiffen kaum Privatsphäre hätten, sei die Arbeit auf Containerschiffen von Einsamkeit geprägt. Korruption stelle ebenfalls ein großes Problem dar. „Seefahrer:innen wissen auch immer: Sie sind auf hoher See. Wenn sie etwas tun, was der oberen Etage nicht gefällt, dann wird niemand erfahren, ob es tatsächlich ein Unfall war“, erzählt Chantal in ernstem Ton. Die Reedereien handeln meist aus wirtschaftlicher Sicht und behandeln die Seeleute als austauschbare Arbeitskräfte, wohingegen die Mitarbeiter:innen der DSM den Menschen hinter der Arbeitskraft sehen wollen. Sie bieten ihnen ein offenes Ohr und unterstützen die Seeleute, wo sie können. Bei längeren Landgängen können sie und auch ihre Familien in Altona unterkommen.

Ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) kann zwischen Schulabschluss und Vollendung des 27. Lebensjahres gemacht werden. Nach Angaben der Sozialbehörde Hamburg sei die Zahl der FSJ-Teilnehmenden zwischen dem Bildungsjahr 2011/12 und 2020/21 von ca. 1.800 auf 2.600 Teilnehmende gestiegen. 

SIM-Karten und Gespräche mit Seeleuten

Ein wichtiger Bestandteil von Chantals Arbeit sind Seelsorgegesprächen mit Seefahrer:innen. „Häufig geht es primär ums Zuhören. Viele erzählen von ihren Familien und Kindern, was oft mit Sorgen verbunden ist, weil sie sie lange nicht gesehen haben“, so Chantal. Es komme aber auch immer auf das Herkunftsland an. In Ländern mit Krieg wie aktuell in der Ukraine sorgen sie sich darum, ob ihre Familien überhaupt noch leben. Es gebe außerdem Situationen, in denen Seeleute auf die Freiwilligen zu kommen und ihnen von Missständen an Bord erzählen. Dann helfen die FSJ:lerinnen so gut sie können und leiten die Hinweise an andere Organisationen weiter, die die Sicherheit an Bord überprüfen. Vor allem anfangs waren solche Gespräche eine Herausforderung für Chantal. So geht es auch Collin. Er hat zusammen mit Chantal im Herbst sein FSJ angefangen: „Ich habe herausgefunden, dass man meist nicht beim Gespräch selbst an seine Grenzen gerät, sondern eher danach, wenn man darüber nachdenkt. Das Gute ist: Wir FSJler:innen sitzen im selben Boot und können zusammen darüber sprechen.“ Zu Beginn ihres FSJs fand außerdem ein Seminar mit Freiwilligen von verschiedenen Seemannsmissionen statt. Dort wurden sie speziell auf die Seemannsmissionen und ihre Thematiken vorbereitet. Persönliche Grenzen seien in diesem Fall sehr wichtig, so Chantal. „Die Seelsorge in unserem Fall reicht immer nur so weit, wie wir uns wohlfühlen. Wenn mir etwas zu nahe gehen würde, kann ich mich auch immer an Andere wenden.“

Der Zuständigkeitsbereich von Chantal lässt sich kaum eingrenzen, jeder Tag läuft anders ab. Sie steht im Club bereit, um Getränke, Snacks und Souvenirs zu verkaufen. Auch Wäsche auf die Zimmer Verteilen und Essen Ausgeben gehören zu ihren Aufgaben. Typisch für Kreuzfahrtanläufe ist außerdem der Verkauf von SIM-Karten. Sie haben einen bedeutenden Stellenwert für die Seeleute. „Mitunter ist das der einzige Kontakt zu Familie“, erklärt Chantal. „Die SIM-Karten müssen für die jeweiligen Länder gelten. Am Kiosk bekommen sie nicht die gleiche Beratung wie bei uns.“ An manchen Tagen begleitet Chantal Seeleute auch mit zu Terminen, beispielsweise zum Impfen. Gerade ist auch die Suche nach Wohnungen sehr aktuell, da einige ukrainische Geflüchtete in der Seemannsmission untergekommen sind.

So wie Yevhenii. Der junge Seefahrer ist wegen des Krieges aus der Ukraine geflohen und erzählt von den Gefahren auf dem Schiff. Bei der Arbeit hat er sich an seinem Bein verletzt und darf dort daher nicht mehr arbeiten. Stattdessen gab er vor Kriegsbeginn Schulungen zur Sicherheit für Seefahrer:innen, damit anderen ein Schicksal wie seines verwahrt bleibt. „Vorbereitungen sind sehr wichtig. Wenn du Fehler machst, kann es zwar sein, dass dir nichts passiert, aber dein Kollege verletzt wird“, so Yevhenii. Er war bereits in Seemannsmissionen in anderen Ländern und schätzt ihre Arbeit sehr. „Unser Zuhause ist unsere Kabine, also kannst du nirgendwo hingehen.“  Die Seemannsmissionen seien daher ein guter Ort, um den Metall-Wänden des Schiffs zu entkommen und den Kopf freizubekommen.

Blick aus dem Fenster des Clubs der DSM Altona. (Foto: Lilly Palmbach)

Eine prägende Erfahrung

Chantal führt in der Seemannsmission herum. Im Club können neben Snacks und SIM-Karten auch Hygieneartikel gekauft werden. Die Sitzgelegenheiten und der Fernseher geben dem Raum eine gemütliche Wohnzimmer-Atmosphäre. Nebenan befindet sich ein Billardraum. In der Etage darüber zeigt Chantal die Kirche. Dort stehen viele Kartons. In ihnen befindet sich Kleidung von kiribatischen Seeleuten, berichtet Chantal. Sie haben eine sehr lange Zeit in Hamburg verbringen müssen, weil der kleine Inselstaat im Pazifik sie wegen der Pandemie nicht in das Land einreisen lassen hat. Das war direkt zu Beginn ihres FSJs. Eine prägende Erfahrung: „Das war sehr intensiv, aber auch cool, weil ich da drei Monate mit der gleichen Seefahrt-Crew gearbeitet habe, mit denen irgendwie gelebt habe und da natürlich ganz viel aus deren Leben mitbekommen habe“, sagt sie und wirkt ein bisschen sentimental, als sie die Kartons betrachtet. Sie hat nicht nur mit den Seeleuten gearbeitet, sondern auch Freizeit mit ihnen verbracht. Denn es sei nicht alles nur schwere Kost bei der Arbeit mit den Seeleuten, so Chantal. „Manchen tut es auch einfach gut, eine Runde Billard zu spielen oder einen lustigen Smalltalk zu halten.“

Den Tag über bleibt es ruhig in der Seemannsmission. Ein paar wenige Besucher:innen kommen vorbei und kaufen Snacks oder Souvenirs vor ihrer Abreise. Von der MSC Magnifica findet niemand seinen Weg zur Seemannsmission. Wahrscheinlich wegen eines Crew-Wechsels, wie früher am Tag zu erfahren war. Gegen 18 Uhr gibt es schließlich Essen, das von den FSJler:innen aufgewärmt und ausgeteilt wird. Langweilig wird es ihnen trotz des ruhigen Tages nicht. Die Atmosphäre ist locker und es wird viel gelacht. „Wir arbeiten gut, viel und gerne zusammen. Und verbringen auch unsere Freizeit miteinander“, beschreibt Chantal das Verhältnis zu den anderen FSJler:innen. „Wir sind definitiv zusammengewachsen.“

„Man lernt viel über die Welt und über Menschen.“

Neben den üblichen FSJ-Trägerstellen wie Altenheimen oder Schulen sticht die Seemannsmission als soziale Einrichtung hervor. Jährlich sind hier drei bis vier FSJler:innen oder Teilnehmer:innen des Bundesfreiwilligendienst beschäftigt. Auch die Seemannsmission profitiert von den jungen Leuten: „Es bringt auf alle Fälle jedes Jahr neue Ansichten und macht uns immer wieder neu bewusst, welche Basics wir vermitteln möchten und wie wir das organisieren müssen“, erklärt Martin Behrens, kaufmännischer Heimleiter. Sich mit den Gedanken der jungen Freiwilligen auseinanderzusetzten, bringe neuen Schwung in die Seemannsmission. Im Gegenzug hofft er, ihnen Selbstverantwortung und Flexibilität im Berufsalltag mitzugeben. Auch die Verbesserung der englischen Sprache und die Möglichkeit, internationale Kontakte zu knüpfen zeichnen das FSJ in der Seemannsmission aus. „Man kommt in Kontakt mit ganz vielen unterschiedlichen Kulturen, Geschichten und das finde ich wahnsinnig spannend. Man lernt viel über die Welt und über Menschen, wenn man möchte“, bestätigt Chantal. Das FSJ stellt für sie, wie auch für viele andere, ein Überbrückung- und Orientierungsjahr für ein mögliches Studium oder eine Ausbildung dar. Nach ihrem FSJ will Chantal Soziale Arbeit studieren. Obwohl sie sich bei ihrer Arbeit mit belastenden Thematiken beschäftigt, fiel es ihr leichter als erwartet, damit umzugehen. Bereits vor ihrem FSJ hatte sie über ein Studium der Sozialen Arbeit nachgedacht, die letzten Monate haben sie in ihrer Entscheidung bestärkt.

Gegen Ende der Schicht kaufen Vorbeigehende am Fenster ein Bier, der Himmel verfärbt sich langsam rosa. Die MSC Magnifica läuft aus und wendet genau vor der Mission, bevor sie elbabwärts schippert. Für Chantal beginnt der Feierabend. Die heutige Schicht war zwar sehr entspannt, doch morgen kann es wieder ganz anders aussehen. Denn neue Schiffe kommen immer.