Mit dem 9-Euro-Ticket ins Ruhrgebiet

Überall hier finden sich interessante und entdeckenswerte Ausflugsziele im Ruhrgebiet. (Karte erstellte von Lara Asmann)

Mehr als Zechen und rauchende Schornsteine: Warum das Ruhrgebiet besser ist als sein Ruf und einen Kurztrip in deinen Semesterferien verdient hat, erfährst du hier- mitsamt Insidertipps der dortigen Studierenden.

Das Ruhrgebiet ist für die meisten Menschen nicht unbedingt das, was sie unter einem Urlaubsziel verstehen. In den Vorstellungen reihen sich Kohlekraftwerke und Stahlbrennereien aneinander, all das unter einem rußgeschwärzten Himmel. Dass der Kohleabbau bereits seit den 50er Jahren an Bedeutung verlor und 2018 mit der Schließung von Prosper-Haniel, der letzten Zeche, endete, gerät dabei oft in Vergessenheit. Natürlich ist das Ruhrgebiet geprägt durch Kohle und Schwerindustrie. Doch es hat noch viel mehr zu bieten.

Das 9-Euro-Ticket, welches alle Studierenden automatisch mit ihrem Semesterticket erhalten haben, bringt euch in etwa fünf Stunden in den Westen der Republik.  So landet ihr nach nur zwei Umstiegen in Bremen und Osnabrück in Essen, oder ihr fahrt zum Beispiel über Hannover und Minden nach Dortmund. In welcher Stadt im Ruhrgebiet ihr euren Trip startet, ist relativ egal, denn das ist eine der Besonderheiten der Region: Sie ist sehr vernetzt. Viele Städtegrenzen gehen fließend ineinander über. Nach 20 Minuten Zugfahrt kann man bereits zwei Städte weiter sein, was für Hamburger Verhältnisse nahezu unvorstellbar scheint. Diese räumliche Dichte ist gerade für junge Menschen praktisch, denn man kann sich auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln schnell fortbewegen und ist wenig festgelegt, wenn es beispielsweise darum geht, wo man abends am liebsten ausgehen würde. Das berichten mir auch die Studierenden der Region.  Die einfache Mobilität bedeute für sie eine wichtige Freiheit.

Die wichtigsten Ruhrgebiets-Vokabeln:
Ruhrpott: Bezeichnung für das Ruhrgebiet. „Pott“ meint ein Gefäß, daher auch der Ausdruck „Kohlenpott“ als Behälter für Kohle. Unter Einheimischen wird das Ruhrgebiet auch „Revier“ genannt.
Zeche: wird im Ruhrgebiet synonym für (meistens) Steinkohlebergwerke verwendet. Die Verbindungen zwischen der Erdoberfläche und dem Inneren der Berge nennen sich Stollen und bilden somit den Zugang unter Tage.
Halde: im Bergbau sind Halden künstlich aufgeschüttete Hügel oder Anhöhen, auf denen die unbrauchbaren Bodenreste aus den Bergwerken gelagert werden.

Essen

Essen liegt als zweitgrößte Stadt im Herzen der Metropolregion und ist mit den Regionalbahnen am schnellsten von Hamburg aus zu erreichen, wobei die Unterschiede marginal sind. Außerdem hat die Stadt einiges zu bieten: 2010 war sie Kulturhauptstadt Europas, 2017 grüne Hauptstadt Europas. Und das, obwohl „grün“ vermutlich keine Eigenschaft ist, die viele Menschen mit dem Ruhrgebiet in Verbindung bringen würden. Doch gerade der wohlhabendere Essener Süden hat erstaunlich viel Natur zu bieten. Zum Beispiel rund um den Baldeneysee, über dem auch die eindrucksvolle Villa Hügel der Krupp-Familie thront, oder im Gruga-Park direkt neben der Essener Messe. Nicht zu vergessen ist auch das UNESCO-Weltkulturerbe der Stadt, die Zeche Zollverein, ehemals größtes Steinkohlebergwerk Europas. Das imposante Bauwerk beherbergt heute das Ruhrmuseum, einen Park auf dem ehemaligen Zechengelände und im Sommer sogar ein Schwimmbad.

Die Bildungs- und Hochschullandschaft des Ruhrgebiets gehört zu den dichtesten Europas, daher bietet es sich an, einzelne der zahlreichen Studierenden nach ihren Tipps zu fragen. Mira, 21 und Studentin an der Universität Duisburg-Essen, empfiehlt die „Goldbar“ im belebten Südviertel nahe der Essener Innenstadt, welche mit alternativem Flair und einer bunt gemischten Kundschaft lockt. Dort lässt sie am liebsten bei einem gut gefüllten Glas Wein oder dem Lokalbier Stauder ihre Abende mit Freunden ausklingen.

Duisburg

Wenn man etwas für Industriekultur übrighat, dann ist der Landschaftspark Duisburg Nord mit Sicherheit einen Besuch wert. Auf dem stillgelegten Hüttenwerks-Gelände kann man heute unter anderem Konzerte besuchen, an den Wochenenden eine Lichtshow bewundern, oder die zahlreichen Stufen der Fabrikbauten erklimmen und sich vom Ausblick über das Ruhrgebiet beeindrucken lassen. Der Park verbindet Industrie, Natur und Erholung in eindrucksvoller Weise, sogar klettern und tauchen kann man auf dem Gelände.

Halden gibt es viele im Ruhrgebiet. Oft werden sie heutzutage als Naherholungsgebiete oder als Schauplatz für große Kunstwerke wie den Tetraeder in Bottrop genutzt. In Duisburg findet sich auf einer ehemaligen Halde das „Tiger and Turtle“, eine begehbare Achterbahn-Skulptur, die bei guter Sicht einen grandiosen Blick bis über die Grenzen des Ruhrgebiets hinweg nach Düsseldorf bietet.

Bochum

Bochum zählt mit nur etwa halb so vielen Einwohnern wie Dortmund oder Essen nicht mehr zu den größten Städten des Ruhrgebiets, hat aber ähnlich viel zu bieten. Dem Fußball kommt in dieser Region eine besondere Bedeutung zu und der Besuch eines der Bundesligastadien ist nicht nur für gestandene Fußballfans eine lohnende Erfahrung. Gerade in Bochum ist der Stolz über den Aufstieg in die erste Fußball-Bundesliga nach elf Jahren noch immer groß und wird mit einer einzigartigen Atmosphäre bei den Spielen belohnt.

Wer es eher ruhiger mag, für den lohnt sich auch ein Besuch im Planetarium oder dem Bergbaumuseum. Außerdem bildet das sogenannte Bermuda3Eck in der Nähe des Hauptbahnhofes eine beliebte Ausgehmeile, auf der viele Bars und Restaurants angesiedelt sind. Dort ist auch das Lieblingslokal von Max, einem Studenten der Ruhr Uni Bochum zu finden. Er empfiehlt das „Bratwursthaus“ für klassische kulinarische Ruhrgebietsspezialitäten, wo man auch nach einem Clubbesuch im Bermuda3Eck noch bis spät in die Nacht einen Imbiss bekommt.

Dortmund

Dortmund ist die größte Stadt des Ruhrgebiets, welches insgesamt knapp 5,1 Millionen Einwohner zählt. Direkt sichtbar vom Hauptbahnhof aus prangt das „Dortmunder U“, der ehemalige Gär- und Lagerkeller der Union Brauerei, welcher heute ein Zentrum für Kunst und Kultur beherbergt. Dort gibt es Bildungsveranstaltungen, genauso wie Ausstellungen und Workshops zu besuchen. Orte, die ihrem ehemaligen Zweck entfremdet wurden und sich als Stätten für Kunst und Kultur neu erfunden haben, findet man zahlreiche im Ruhrgebiet. Die Region war stets darauf angewiesen, sich immer wieder zu reinterpretieren nach den zahlreichen Krisen der Vergangenheit, wie dem Verfall der Montanindustrie und daraufhin hoher Arbeitslosigkeit. Kreativität war hier schon immer essentiell.

Bei gutem Wetter sind auch die Parks der Stadt zu empfehlen. Einen Besuch sind sowohl der Westfalenpark mit seiner zentralen Stadtlage als auch der Rombergpark, welcher den Dortmunder Zoo sowie den botanischen Garten beherbergt, durchaus wert.

Im beliebten Kreuzviertel liegt „Herr Liebig“, das Lieblingscafé von Emma, einer weiteren Studentin aus dem Ruhrgebiet. In der friedlichen Atmosphäre des Viertels kann man hier frische Torten oder, je nach Geschmack, ein herzhaftes Frühstück genießen.

Gelsenkirchen und Tipps aus dem restlichen Ruhrgebiet

Gelsenkirchen gilt nicht unbedingt als Schönheit unter den Ruhrgebietsstädten und ist geprägt von sozialen Schwierigkeiten. Auch das gehört fraglos zu Realität des Ruhrgebiets, neben all den Impulsen des Fortschritts und der Neuausrichtung. Doch selbst hier gibt es einiges zu sehen, zum Beispiel die ehemaligen Bergbausiedlungen wie „Schüngelberg“ im Stadtteil Gelsenkirchen-Buer, die Einblicke in die Vergangenheit der Region geben.

Smilla, eine Studentin an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen, verbringt ihre Zeit am liebsten auf der Halde Rungenberg, die von vielen kleinen Gärten gesäumt ist. Sie empfiehlt den Aufstieg gerade abends, denn dann sei man oft ganz allein auf dem Gelände und durch die bunte Beleuchtung gebe sogar der Blick auf die Chemieparks einiges her.  

Einen ganz anderen Eindruck hingegen macht die Altstadt in Hattingen, die gekennzeichnet ist von pittoresken Fachwerksbauten.  Wem die öffentlichen Verkehrsmittel zu voll sind, der kann die Gegend entlang des Ruhrtalradwegs oder der Route Industriekultur per Fahrrad erkunden. Zur Route Industriekultur gehört beispielsweise auch der Gasometer in Oberhausen, der die höchste Ausstellungsfläche Europas beherbergt.

Wer die Reise in den Westen wagt, dem wird schnell auffallen: Das Ruhrgebiet ist extrem divers und hat für fast jeden Geschmack etwas zu bieten. Ob nun Sport, Natur, Geschichte oder Kunst und Kultur, all das ist reichhaltig vorhanden. Und mit den richtigen Tipps gibt es im Pott, entgegen seines schlechten Rufes, wirklich eine ganze Menge schöner Ecken.

Die interaktive Karte von Lara findet ihr hier.

Falls ihr Lust auf weitere Insider-Tipps aus dem Ruhegebiet habt, hier ein paar Vorschläge auf Instagram: @mein.ruhrgebiet, @ruhrgebiet_entdecken, @route_industriekultur, @essendiese (hier gibt es ein Story-Highlight mit Tipps aus der Community), @ruhrgebietfoodguide und @tasteof.ruhrgebiet (für Restaurants und Lokale).