Identitätsverlust und Selbstfindung

Häusliche Gewalt ist ein massives Problem unserer Gesellschaft, das sich durch alle sozialen Schichten zieht. Frauen sind statistisch gesehen besonders häufig Opfer von körperlicher und sexualisierter Gewalt in Partnerschaften. Kopfzeile hat mit einer Betroffenen über ihre Erfahrungen gesprochen. 

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Auf ihrem Instagram Account „Jenni B an der Spree“  verbreitet die Berlinerin Jenni gute Laune. Mehr als 11.000 Menschen verfolgen das Leben der selbstbewussten jungen Frau. Im Dezember 2020 teilte Jenni dort erstmals ihre Erfahrungen mit häuslicher Gewalt. Seitdem erreichen sie regelmäßig Nachrichten von Frauen, die sich in ähnlichen Situationen befinden.  

Im Gespräch hat Jenni dieselbe Präsenz wie auf ihrem Instagram-Account. Ungeschminkt, aber nicht weniger selbstbewusst und immer mal wieder von ihrem Hund Monk unterbrochen, beginnt sie zu erzählen – von zwei gewalttätigen Partnerschaften. „Es ist schwierig, mit instabilen Männern eine vernünftige Beziehung zu führen“, meint sie.

„Es war eine Schlammschlacht“

Nachdem ihr damaliger Partner Jenni so schlimm verprügelt, dass ihr Steißbein dauerhaft deformiert wird, schafft es die junge Frau endlich, ihn anzuzeigen.  

„Es war echt eine Schlammschlacht“, sagt Jenni über das Verfahren, „vor Gericht hat man sich wie ein Objekt gefühlt. Da sitzen dann alte, konservative Männer, die dich zu solchen Themen befragen und du hast noch nicht mal deinen Mund aufgemacht und die haben dich schon verurteilt.“ In Jennis Fall legt der Täter schließlich ein Geständnis ab. Er muss er die Gerichtskosten übernehmen und eine Geldstrafe zahlen. 

Panikattacken hindern Jenni zu diesem Zeitpunkt daran, Vorlesungen zu besuchen oder einkaufen zu gehen. Nach dem Verfahren entscheidet sie sich, eine Therapie zu beginnen. „Ansonsten glaube ich, hätte ich mir die Kugel gegeben und das wollte ich nicht .“

Bildquelle: Pexels, Karolina Grabowska

Schwindendes Selbstbewusstsein

Petra Lorenz hat täglich mit Opfern häuslicher Gewalt zu tun. Sie arbeitet in einer Beratungsstelle und hilft dort Frauen, durch Stabilisierungsübungen ihr Selbstbewusstsein zu stärken.  „Körperliche und seelische Gewalt führen häufig zu Persönlichkeitsveränderungen“, sagt Lorenz. „Da ist es egal, in welcher Position sich die Frauen vorher befinden, ob Geschäftsfrau oder arbeitslos.“  

Auch Jenni erzählt von schwindendem Selbstbewusstsein und Identitätsverlust. In einer Abwärtsspirale aus Scham und Schuld eskaliert die Situation in ihrer Partnerschaft schrittweise.  

Zunächst wird der Täter verbal aggressiv, vor allem im alkoholisierten Zustand. Er beschuldigt Jenni, ihn zu betrügen, ist krankhaft eifersüchtig. Dann beginnen auch körperliche Drohungen, bis er diese irgendwann in die Tat umsetzt.  

„Als er mich dann verprügelt hat, habe ich mit niemandem geredet. Ich bin auch erstmal nicht zum Arzt gegangen. Ich habe mich nicht getraut, ich habe gar nicht verstanden, was da überhaupt passiert ist“, erzählt Jenni. Erst, als ihre Mutter sie zur Seite nimmt, bricht sie ihr Schweigen. Bei ihr werden ein Kapselriss und ein deformiertes Steißbein diagnostiziert, vor Schmerzen kann Jenni kaum laufen.  

„Nie wieder“

„Nie wieder“, sagt sie sich und will in ihrer nächsten Beziehung alles richtig machen. Ihr neuer Partner scheint zunächst das komplette Gegenteil des vorherigen zu sein, Jenni geht offen mit ihren Erfahrungen und Ängsten um. „Das hat er ganz gezielt gegen mich ausgespielt, immer und immer wieder, aber es hat lange Zeit gebraucht, bis ich das verstanden habe.“ 

Besonders bei psychischer Gewalt seien Warnsignale oft erst im Nachhinein erkennbar, sagt Lorenz. „Diese wahnsinnige Verliebtheit, die einen umklammert und nicht mehr loslässt“ verwandele sich schnell in emotionale Abhängigkeit. Dann beginne der Täter, durch Demütigungen die Grenzen zu testen.  „Wenn sich die Betroffenen wehren, dann fängt es an gemein zu werden. Dann fängt der Mann an, verbale und körperliche Waffen auszupacken.“

Bildquelle: Pexels, Mart Production

Hohe Dunkelziffer

Obgleich auch Männer Opfer von häuslicher Gewalt werden, sind Frauen einem etwa viermal höheren Risiko ausgesetzt, insbesondere schwere Körperverletzungen zu erleiden. Sexualisierte Gewalt in einer Partnerschaft richtet sich zu 98 Prozent gegen Frauen.

In Deutschland bedeutet das, dass alle 45 Minuten eine Frau zum Opfer einer solchen Gewalttat wird. Beinahe jeden dritten Tag eskaliert diese Gewalt zu einem Femizid, verübt durch den männlichen Partner oder Ex-Partner. Aufgrund der Scham, die diesem Thema noch immer anhaftet gehen Expert:innen von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus. 

Jenni erinnert sich an die ständige Anspannung dieser Zeit: „Meine Augenringe hatten Augenringe.“  

Die Beziehung ist ihr Lebensmittelpunkt. Erst, als sie sich bewusst macht, wie ihr Partner seinen Hund behandelt, erkennt Jenni, dass es so nicht weitergeht.  

„Das hat mir echt den Spiegel vorgehalten, weil ich verstanden habe: Ich bin dieser Hund in der Beziehung. Ich bin permanent seiner Willkür ausgeliefert.“
Sie verlässt ihn. 

„Ich fühle mich so stark“

Heute arbeitet Jenni in ihrem Traumberuf und teilt nebenbei ihren 

Alltag auf Instagram. „Ich fühle mich so stark, als könnte mir keiner mehr etwas antun.“ 

Den Frauen, die Jenni heute auf Instagram um Rat bitten sagt sie: 

„Stell dir selbst die Fragen: ‚Hast du das verdient? Wirklich?‘ Ich kann nur allen Betroffenen wünschen, dass sie auch irgendwann diesen Punkt erreichen werden.  Das wünsche ich mir für alle Frauen. Leider gibt es viel zu viele, die häusliche Gewalt erleben.“