gesehen: The Winter’s Tale

Die zwei Liebenden tanzen auf dem Fest der Schäfer:innen miteinander. (Foto: Kiran West)

Nicht nur im Winter lassen sich wunderbar Geschichten erzählen. Im Sommer um ein Lagerfeuer versammelt geht das mindestens genauso gut. Viel Gesprächsstoff bietet beispielsweise Shakespeares Wintermärchen. Als Ballett, choreografiert von Christopher Wheeldon, feierte das Stück jetzt in Hamburg seine Deutschlandpremiere und riss das Publikum zu langen Beifallsstürmen hin.

Leontes, König von Sizilien (Félix Paquet) und Polixenes, König von Böhmen (Jacopo Bellussi) sind seit ihrer Kindheit eng befreundet und wachsen gemeinsam auf. Bereits sehr jung werden sie gekrönt und dadurch getrennt, dennoch bleiben sie sich in ihrer Freundschaft verbunden. Daher besucht Polixenes Leontes an seinem Hof, wo dieser mit Hermione (Ida Praetorius) und dem gemeinsamen Sohn Mamillius (Johannes Fell) glücklich lebt. Unvermittelt werden Freundschaft und Familienglück jedoch getrübt. Hermione erwartet ein zweites Kind, dessen Geburt kurz bevorsteht, als Polixenes wieder abreisen will. Hermione bittet ihn, noch zu bleiben, was Leontes in rasende Eifersucht stürzt. Die fröhliche Stimmung am Hof, der gemeinsame elegante Tanz und die Musik werden schlagartig düsterer und bedrohlicher. Am allermeisten verändert sich Leontes selbst. Sein vormals weicher, munterer Tanz wird kantig und abgehackt je mehr er sich in seine wahnhafte Eifersucht steigert. Schließlich verliert er wegen dieser seine Frau, seinen Sohn und seine neugeborene Tochter, da er seinen ersten Hofmeister Antigonus (Nicolas Gläsmann) beauftragt, das Kind auszusetzten. Dann erkennt Leontes voller Verzweiflung, was er in seinem Wahn angerichtet hat.

Eine andere Welt

Antigonus flieht mit dem Baby per Schiff. Jedoch zieht auf der Bühne wie im Orchestergraben ein gewaltiger Sturm auf. Der Hofmeister schafft es noch, das Kind abzulegen, wird dann aber von einem Bären getötet. Schäfer finden das Kind, bei dem auch eine Kette mit einem Smaragd liegt, den Leontes einst seiner Frau schenkt. Prinzessin Perdita (Madoka Sugai) wächst bei den Schäfer:innen auf und verliebt sich in Florizel, den Prinzen von Böhmen (Alexandr Trusch). Das Leben der Hirten ist ganz anders als das bei Hofe, die Musik treibender und folkloristischer. Ihr Tanz ist voller Energie und Kraft, wirkt keck und strahlt eine große Fröhlichkeit aus. In dem bunten Treiben des Festes hat das Liebespaar nur Augen füreinander, was in vielen unterschiedliche langen Pas de Deux deutlich wird, die von den tiefen Gefühlen des Paares zeugen. König Polixenes wiederum ist von den Umtrieben seines Sohnes nicht begeistert und hat ein paar Musiker:innen bestochen, um sich unerkannt unter die Feiernden zu mischen. Als Perdita und Florizel sich verloben, gibt der König sich zu erkennen und droht Perdita und ihrer Familie mit dem Tod. Gemeinsam mit dem Prinzen fliehen sie zurück nach Sizilien, zu dem gramgebeugten Leontes, um sich seinen Segen für ihre Ehe zu erbitten, verfolgt von Polixenes.

Licht und Schatten

Die Choreografie von Christopher Wheeldon ergänzt Shakespeares Stück noch um einen Prolog, der das Eifersuchtsdrama des ersten Aktes vorausahnen lässt. Seine Charaktere, ihre Entwicklungen und Kontraste werden durch den ausdruckstarken Tanz des Hamburg Balletts deutlich. Die aufgewühlten Emotionen von König und Königin zeigen sich ebenso wie die Liebe des jungen Paares und die Fröhlichkeit der Schäfer:innen. Die Musik, die von Joby Talbot extra für diese Ballett komponiert wurde, führt die Veränderungen in den Situationen so vor Augen, wie der Tanz es tut. Drohendes Unheil oder aufziehende Stürme, Freude und Liebe werden plastisch verkündet. In ihrer Eindrücklichkeit erinnert sie dabei zeitweise an Filmmusik. Einige Musiker:innen spielen zudem auf der Bühne und begleiten in das Geschehen integrierten den höfischen Tanz genauso wie den der Schäfer:innen. Das Bühnenbild ist schlicht gehalten und unterstützt die Handlung des Stücks. Der Hof in Sizilien hat zwei große Tore, die wechselnden Räume werden durch Treppen oder Statuen verdeutlicht. Ebenso ist es mit dem großen, bunt geschmückten Baum der Hirt:innen. Auch das Licht wird so geschickt eingesetzt, dass es besondere Elemente betont, beispielsweise die in grün getauchten Wahnvorstellungen von Leontes. Die Kostüme des Hofs sind elegant, verschiedenfarbig und schlicht, die der Schäfer:innen einfacher, dafür bunter.

Fazit

„The Winter’s Tale“ behandelt viele, mächtige Gefühle. Es geht um Eifersucht und Neid, ganz besonders jedoch um Liebe, Vergebung und Verzeihen. Der Tanz des Hamburg Balletts, besonders der Solist:innen, ist so mitreißend und plastisch, dass sich Gefühle und die Geschichte der beiden Königshäuser klar vor den Augen des Zuschauer:innen entspinnen. Ebenso ergreifend wie der Tanz des Ensembles ist die Musik von Joby Talbot. Licht, Bühnenbild und Kostüme fügen sich nahtlos in das Gesamtbild ein. Christopher Wheeldon und das Hamburg Ballett John Neumeier erzählen eine spannende Geschichte, die vom Publikum mit langanhaltendem Applaus gefeiert wurde.

Darsteller:innenEnsemble des Hamburg Ballett John Neumeier
ChoreografieChristopher Wheeldon
MusikJoby Talbot
SzenarioChristopher Wheeldon und Joby Talbot
Bühnenbild und KostümeBob Crowley
LichtNatasha Katz
LichtadaptionSimon Bennisson
EinstudierungJason Fowler, Anastacia Holden, Piotr Stanczyk, Jillian Vanstone
Musikalische LeitungDavid Briskin
Musiker:innenPhilharmonisches Staatsorchester Hamburg

Weitere Informationen gibt es hier.

Das Programm der 47. Hamburger Ballett-Tage:

21. Juni, 19.30 Uhr: The Winter’s Tale
22. Juni, 19.30 Uhr: Die Glasmenagerie
23. Juni, 19.30 Uhr: Sylvia
24. Juni, 19.00 Uhr: Dornröschen
25. Juni, 19.30 Uhr: Hamlet 21
26. Juni, 18.00 Uhr: Beethoven-Projekt II
28. Juni, 19.30 Uhr: Gastspiel Polnisches Nationalballett
29. Juni, 19.30 Uhr: Gastspiel Polnisches Nationalballett
30. Juni, 19.30 Uhr: Liliom
01. Juli, 19.30 Uhr: The Winter’s Tale
02. Juli, 20.00 Uhr: Ghost Light
03. Juli, 18.00 Uhr: Nijinsky-Gala XLVII