gesehen: Alle Toten fliegen hoch – Amerika

Bin ich Reisender oder Pendler? Das fragt Joachim sich, bevor er den Austausch nach Amerika beginnt. (Foto: Baraniak)

Ist es wirklich nur ein Austausch oder doch eher eine Flucht aus dem Schoß der Familie? Das weiß Joachim selbst nicht so genau, als er sich für den Auslandsaufenthalt in Amerika bewirbt. Im Altonaer Theater feierte die Inszenierung nach Joachim Meyerhoffs gleichnamigem ersten Buch nun Premiere und erzählt eine unterhaltsame Geschichte mit ernsten Themen.

Joachim (Lukas T. Sperber) und seine Familie wohnen auf dem platten Land in Norddeutschland, die beiden älteren Brüder ziehen den Jüngsten mit großem Vergnügen auf und der Vater (Armin Köster) hält sehr gerne Vorträge über die verschiedenen Arten der Erinnerung. Joachim beschließt, dass er unbedingt auf einen Schüler:innenaustausch nach Amerika will, Sprachbarriere hin oder her und fährt daher nach Hamburg, um den für den Austausch notwendigen Test zu absolvieren. Damit er sich gegen die ganzen „Hamburger Snobs“ durchsetzen kann, schwindelt er. Damit geht das Chaos dann endgültig los. Die Großeltern übernehmen zwar die Kosten für die Reise, aber Joachim vergisst erst, sich von seiner Freundin (Nadja Wünsche) zu verabschieden, verpasst dann beinahe seinen Flug, landet in einer sehr religiösen Familie und statt in einer der großen amerikanischen Städte irgendwo im Nirgendwo der „Great Planes“, in Laramie, Wyoming.

Wie bitte?

Joachim muss mit seiner Gastfamilie nicht nur dreimal in der Woche in die Kirche, er versteht zu Anfang auch kaum etwas. Die Verständigungsprobleme gehen schon am Flughafen los, in Laramie bei seiner Gastfamilie wird es nicht besser. Die sprachlichen Barrieren werden durch die Schauspieler:innen geschickt dadurch vermittelt, dass sie Joachim gegenüber auf Englisch extrem Nuscheln und nur noch einzelne Wörter verständlich sind. Joachim wiederrum, der das ganze Stück auch als Erzähler begleitet, findet sich schließlich immer mehr in Laramie ein, genießt seinen extravaganten Stundenplan und lernt den zum Tode verurteilten Randy Hart (Jaques Ullrich) kennen. Plötzlich wird er allerdings aus seiner neuen Routine gerissen, reist zurück nach Deutschland, flieht von dort aber wieder zurück nach Amerika und versucht, dort das Austauschjahr in vollen Zügen zu Ende zu genießen.

Erinnre dich

Das ganze Stück über geht es immer wieder um Erinnerungen. Was von dem Erlebten stimmt, ab wann und woran erinnern wir uns überhaupt und was passiert dabei? Das sind jedoch nicht die einzigen Fragen, die dieser Theaterabend aufgreift. Es geht auch um den Tod, die Familie und das Erwachsenwerden.

Das schauspielerisch starke Ensemble bringt die verschiedenen, allesamt ziemlich kauzigen Charaktere überzeugend auf die Bühne. Bis auf Lukas T. Sperber und Jaques Ullrich wechseln alle Schauspieler:innen ihre Rollen während des Stücks. Dabei sind alle Figuren gut ausgearbeitet und ihre Macken und Eigenheiten lassen das Publikum immer wieder auflachen. Dazu trägt auch Joachim mit seinen Erzählungen und seiner verpeilten Art bei. Zusätzlich heben manche der Figuren die Handlung auf eine weitere Ebene, indem sie von den anderen, später erschienenen Büchern Meyerhoffs sprechen, oder sich über die Namensverteilung aufregen.

Das schlichte Bühnenbild, das nur aus einer verschiebbaren und bespielbaren Plakatwand besteht, die entweder die Landschaft Laramies oder eine dunkle Rückseite zeigt, gibt dem Schauspiel und der Geschichte Raum, sich zu entfalten. Auch die wenigen, passend eingesetzten Requisiten tragen dazu bei.

Fazit

Mit „Alle Toten fliegen hoch – Amerika“ zeigt das Altonaer Theater ein Stück, das ernste Themen auf eine heitere, unterhaltsame Art aufgreift, ohne, dass das Lachen und der Humor gewollt, übertrieben oder pietätlos wirken. Das liegt besonders an dem schauspielerisch sehr guten Ensemble, den geschickten Darstellungen der Figuren und manch anderen Besonderheiten, die Joachim und das Publikum auf dieser Reise erleben. Der Theaterabend funktioniert auch ohne Vorwissen über die Bücher von Joachim Meyerhoff und entlässt das Publikum mit einem Lächeln auf den Lippen.

Darsteller:innenChantal Marie Hallfeldt, Flavio Kiener, Armin Köstler, Anne Schieber, Ole Schloßhauer, Lukas T. Sperber, Jacques Ullrich, Nadja Wünsche
Bühnenfassung und RegieGeorg Münzel
BühnenbildUte Radler
KostümeRicarda Lutz

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