gesehen: Annette

Das Promi-Paar Henry McHenry und Ann Desfranoux gespielt von Adam Driver und Marion Cotillard (Foto: ©Alamode Film).

Ist es eine Romanze? Ein Drama? Eine Tragödie? Ein Musical? Irgendwie ist „Annette“ von Leos Carax (Regisseur von „Holy Motors“) alles davon und noch einiges mehr. Vielleicht war die Unklarheit über die Ausrichtung des Films Grund der zu beobachtenden Zuschauer:innen-Flucht, die lange bis in die Spielzeit des Films anhielt. Aber: Mit den Ecken und Windungen der Handlung entsteht eine eindrückliche Geschichte, die in Erinnerung bleibt.

„Annette“ handelt von der Beziehung eines grundverschiedenen Paars. Der Entertainer Henry McHenry (Adam Driver) und Ann Desfranoux (Marion Cotillard), eine beliebte Opernsängerin, sind das Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn es um Klatsch und Tratsch in der Promiwelt geht. Wir beobachten ganz privat die Beziehung der beiden so verschiedenen Personen und bekommen gleichzeitig den Input der Öffentlichkeit. Henry McHenry erinnert dabei als krankhafter Narzisst und Fixpunkt der Handlung enorm an Tom Cruises Verkörperung der Figur des misogynen Frank Mackey in „Magnolia“ (von Paul Thomas Anderson). Dass Narzissmus nicht nur Selbstverliebtheit bedeutet und Henry an seiner Persönlichkeitsstörung enorm leidet, wird klar, als das Geschehen immer zielstrebiger auf den Abgrund zusteuert. Davon ausgehend bestärkten die das Kino verlassenden Zuschauer:innen noch die Stimmung des Films. Es wirkte, als hätte das Symbol des Schiffes, das zu sinken droht, es nicht nur auf die Leinwand, sondern auch zwischen die Sitzplätze geschafft.

Ein sinkendes Schiff, ein sinkender Stern

Mit der MeToo-artigen Meldung „Six Women Have Come Forward“ bekommt „Annette“ eine politisch und gesellschaftlich relevante Dimension. Es ist schwer ersichtlich, ob es sich bei der Szene um einen Traum Anns handelt oder nicht, aber eine Vorausdeutung ist es auf jeden Fall. McHenry ist eine Zeitbombe, die losgeht, als der Stern seiner Karriere untergeht während der Anns seinen Höhepunkt erreicht. Neid hat McHenrys Liebe zu Ann schon immer begleitet, mit dem Karriere-Knick wird dieser zum Motiv eines Femizidis. Auch weil er es nicht schafft, Konsequenzen aus seinen Problemen zu ziehen, steuern er und die Handlung von „Annette“ weiter auf den besungenen Abgrund zu. Dazu kommt schließlich Annette (Devyn McDowell) ins Spiel, die Tochter des Paares. Sie stellt wohl das auffälligste Symbol des Films dar. Die Tochter wird mit einer noch erstaunlicheren Gabe geboren als ihre Mutter und ist doch von Beginn ihres Lebens verflucht, was aber nur für die Zuschauer:innen ersichtlich zu sein scheint. 

Eine großartige Hauptfigur und eine weibliche Nebenrolle

Der Film gehört schauspielerisch Adam Driver und seiner Rolle „Henry McHenry“ (Foto: ©Alamode Film).

Unbedingt hervorzuheben sind in dem Film Leos Caraxs die Kameraführung, eine eindrucksvolle, mystische Ästhetik und natürlich der Auftritt Adam Drivers, dem in „Annette“ viel Raum gegeben wird. Beeindruckend sind auch einzelne Szenen, wie etwa ein One-Cut, in dem der Dirigent (Simon Helberg) um Ann und seine Liebe zu ihr trauert und nebenbei ein Orchester leitet. Oder als McHenry seinem Publikum auf der Bühne von seinen Mord-Fantasien berichtet und die Konfrontation mit den Zuschauer:innen bis zur Eskalation getrieben wird.  

„Annette” gilt dann doch allein der Figur Adam Drivers. Es ist schade, dass Ann so früh aus der Handlung ausscheidet und die Figur in ihrer Entwicklung stagniert. Trotz ihres Fluchs, den sie McHenry auf den Weg gibt, verkörpert sie in erster Linie eine Opferrolle. Einen Moment des Empowerments hätte der Rolle sicher gutgetan. 

Auch die Spiellänge von 140 Minuten hat es in sich: Der Film ist jedoch trotzdessen erstaunlich kurzweilig, zumal die letzte Szene des Films mit dem Wechselgesang zwischen Henry McHenry und Annette noch ein letztes Mal in den Bann zieht und besonders aufschlussreich für das Filmverständnis ist.

Fazit: Am Ende bleibt nur das Gefühl 

„Annette“ handelt von einer Beziehung zweier Publikumsmagneten, die unterschiedlicher nicht sein können. Während die eine Karriere einen Höhepunkt nach dem anderen erreicht, findet die andere ein jähes Ende. In diesen Konflikt hinein gerät ein unschuldiges Kind, das nicht die Lösung aller Probleme ist, sondern den Kontrast beider Menschen sogar noch verstärkt. Die Frage, die sich aufdrängt, ist, was echt ist, und was nicht. Dieser Konflikt wird für das Publikum sogar gleich zu Beginn angedeutet, die vierte Wand mit dem Song “So May We Start“ beseitigt. Es ist einer der Songs, der von den „Sparks“ geschrieben ist, die auch in der Einstiegsszene einen Auftritt gemeinsam mit dem Regisseur haben. Eine Liedzeile daraus gibt die Antwort darauf, weshalb „Annette“ derartig vielfältig ist, ohne Widersprüchen zu verfallen: Die „Bühne“ befindet sich irgendwo zwischen Wirklichkeit, Vorstellung und Fantasie und entzieht sich so einer klaren Einschätzung. Am Ende ist nur auf das Gefühl als Orientierung Verlass. Man wird nicht müde, Adam Drivers gespielten Emotionen zuzusehen. Mit ihm im Mittelpunkt gleicht „Annette“ einem modernen Anti-Märchen und holt eine:n mindestens für den Abend aus dem Winterblues heraus.

Darsteller:innenAdam Driver, Marion Cotillard, Devyn McDowell, Simon Helberg
RegieLeos Carax
DrehbuchRon Mael, Russell Mael
Kamera Caroline Champetier
Kinostart16. Dezember 2021