gefragt: „Es geht nicht nur um die Lehre.“

Bei der Kulturwoche geben verschiedene Personen Einblicke in ihr Können. (Foto: Joe Werner)

Neben eingezäunten Steinhaufen mitten auf dem Campus steht eine Bühne mit Bierzeltbänken. Immer wieder ertönt Musik, Lesungen werden gehalten oder Theater gespielt. Zu Beginn des neuen Semesters haben einige Studierende in der ersten Vorlesungswoche eine Kulturwoche geplant. Kopfzeile hat Lene Greve, eine der Organisatorinnen, getroffen und mit ihr über das Projekt gesprochen.

Kopfzeile: Wie kamt ihr auf die Idee, diese Kulturwoche ins Leben zu rufen?

Lene Greve: Das Projekt ist aus der Zusammenarbeit von verschiedenen Gremien entstanden. In Diskussionen zwischen Fakultätsratsmitgliedern, Fachschaftsräten und Akademischem Senat ist deutlich geworden, dass wir irgendetwas machen müssen, damit Uni-Leben wieder in Präsenz stattfinden kann. Bei der Frage der Präsenz an der Uni haben wir vor allem auch gemerkt, dass es nicht nur um die Lehre geht.  Es geht auch darum, dass nicht einfach gesagt werden kann: Wir machen ein Jahr lang Restriktionen, die Leute bekommen psychische Probleme und haben Angst vor ihren Mitmenschen und dann geht es plötzlich wieder los und dann sollst du einen Hochleistungsstart machen.

Einerseits aus diesem Problembewusstsein heraus, andererseits aber auch, weil es schon wieder eine große Lust an der Präsenz und der Begegnung gibt und man das jetzt viel bewusster wertschätzt, haben wir überlegt, was wir machen und die Kulturwoche war naheliegend. Denn es gibt eigentlich wahnsinnig viele Ressourcen an der Uni. Wir sind eine Wissenschaftseinrichtung, die die Welt verstehen und verbessern kann und wir sind auch eine Einrichtung, an der es zahlreiche Kunst- und Kulturgruppen gibt: Bands, Theatergruppen und viele weitere.

Das ist etwas, worüber wir neu zusammenkommen und uns nochmal neu verständigen können, denn in Kunst und Kultur werden gesellschaftliche Probleme und Lösungsmöglichkeiten auf eine abstraktere Art und Weise reflektiert. Das ist ein richtig guter Weg wieder ins Gespräch zu kommen.

Das Wichtigste ist ja, dass wir miteinander diskutieren.

Lene Greve

Das ist vielleicht auch eine Hoffnung, von der einige sich nicht mehr trauen, sie zu haben, aber die jetzt umso richtiger und wichtiger ist.

Wie habt ihr die Kulturwoche organisiert?

Wir haben so im Juli als Fachschaftsräte angefangen zu planen, als noch gar nicht feststand, dass die Uni überhaupt wieder aufmacht. Die grobe Idee orientierte sich an nichtkommerziellen Campus-Festivals. Dann haben wir überlegt, wen es so alles an der Uni gibt. Wir haben Bekannte, die beispielsweise im Orchester sind, kontaktiert und gefragt, ob sie gerne mitmachen würden. Es gab auch Bedenken, ob das jetzt realistisch ist, da die Leute im Lockdown sind, die Bands nicht geprobt haben usw., aber die Resonanz war ziemlich schnell ziemlich gut. Das haben wir an die Gremien getragen und einen Antrag in den Akademischen Senat eingebracht. Wir haben eine Campus-Begehung gemacht, da waren gleich verschiedene Serviceteam-Leute dabei und alle fanden es gut und haben sich echt gefreut. Dann haben wir tausende Gefährdungsbeurteilungen geschrieben, Gelder, vor allem für die Technik, eingeworben.

Wie wird die Kulturwoche finanziert?

Die Uni hat leider gesagt, sie sähe es nicht als ihre Aufgabe, die Kulturwoche zu finanzieren. Wir haben uns deshalb richtig gefreut, dass wir von der Hamburger Kulturbehörde eine Förderung bekommen haben und von ein paar kleineren Förderern wie der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung. Am Ende haben wir auch ein bisschen Unterstützung für die Personalkosten von der Universitätsverwaltung bekommen. Die Künstler:innen und wir aus der Organisation machen das alles aus Überzeugung und ohne Honorar.

Wie war der Andrang bei den Anmeldungen für Acts bei der Kulturwoche?

Es hat recht lange gedauert, bis wir die Aufrufmail verschicken konnten, weil die Uni-Leitung unsicher war: Mobilisieren wir damit nicht zu viele Leute an den Campus und dann gibt es Chaos? Das stimmt aber überhaupt nicht. Wir haben jetzt vier Tage die Woche vier Stunden Programm und das sind einfach richtig unterschiedliche Sachen. Zum Beispiel eine Lesung von der Stabi zu Borchert oder eine Band, die aus der Chile-Solidarität der Uni Hamburg kommt – dazu noch die Abendveranstaltungen im Audimax. Es ist toll, dass wir diese ganze Bandbreite der Uni im Programm haben. Wir haben Poetry-Slam, Singer-Songwriter, das lernt man jetzt so richtig kennen. Es haben uns auch Leute geschrieben: Cool, dass ihr das macht, ich kann zwar nichts beitragen, aber ich wollte euch sagen, ich finde das cool! Ein paar haben beim Aufbauen geholfen und waren auch begeistert. So wird das wirklich von der ganzen Uni gestaltet.

Wie habt ihr die Acts ausgewählt, die auftreten?

Fast alle, die mitmachen wollten, sind auch im Programm. Es gab drei oder vier Acts, die zeitlich nicht in unsere geplanten Programmabläufe passten. Da waren wir leider auch nicht so flexibel, weil wir das alles mit einem Schutzkonzept mit der Uni sorgfältig abgeklärt hatten.

Hast du ein persönliches Highlight in der Woche?

Ich glaube, ich kann keines auswählen, weil die Beiträge so unterschiedlich sind. Eine Lesung begeistert mich auf eine ganz andere Art als eine Coverbandperformance, die richtig Schwung reinbringt. Ich finde das Gesamtpaket cool, weil das ja auch das ist, was eine Universität ausmacht. Mein Highlight im Programm ist wirklich, dass man diese Gemeinschaft sieht, die wir als Hochschule eigentlich sind. Es geht einfach um Bildung und die ist vollumfassend.

Wie waren die Eindrücke von den ersten Tagen der Veranstaltungen?

Am Montagabend haben wir im Audimax den Aufbruch-Film über 1968 an der Uni Hamburg gezeigt, da waren knapp 200 Leute da. Das fand ich richtig gut. Tagsüber ist es uns auch ganz gut gelungen, dass Leute da waren. Der Campus ist damit einfach belebt und es kommen echt verschiedenste Leute vorbei. Wir haben zum Beispiel eine antifaschistische Lesung und danach haben wir die OE-Band der Erziehungswissenschaften, dadurch mischen sich die Leute einfach. Gleichzeitig herrscht noch eine große Vorsicht. Wir haben ja überall plakatiert und dachten, es wäre klar, dass jede:r eingeladen ist. Aber ein paar Leute waren überrascht, dass sie einfach so kommen dürfen.

Da müssen wir echt noch viel aufknacken, was durch dieses ständige Ausladen vom Campus ein bisschen kaputt gemacht wurde.

Lene Greve

Ich glaube, dafür ist die Kulturwoche ein ganz guter Start. Vor allem geht es auch an alle. Also die Mensa-Mitarbeiter:innen kommen und gucken sich das an, die Serviceteam-Leute stehen vor dem Gebäude und tanzen heimlich ein bisschen mit, das fand ich auch sehr bemerkenswert.

Habt ihr schon Feedback vom Publikum bekommen?

Das Publikum, was extra zum Campus kommt, ist natürlich begeistert. Ein paar Leute saßen auch Montag den ganzen Tag da, trotz Regen. Sogar die Techniker:innen sagen: Das ist richtig gut, das ist so, wie ich mir Kunst und Kultur vorstelle. So bunt gemischt und nicht oberflächlich oder elitär. Das ist es glaube ich, was es braucht.