Studis, wie geht’s euch?

Studierender geht durch die Gänge einer Bibliothek. Wer in den letzten drei Semestern ein Studium begonnen hat, hat die Uni vielleicht noch nie von innen gesehen (Foto: Redd/Unsplash)

Nach eineinhalb Jahren Pandemie stehen Hochschulen noch immer eher am Rande der politischen Aufmerksamkeit. Eine neue Studie zeigt nun, dass die psychische Belastung unter Studierenden deutlich zugenommen hat – und untermauert, wie wichtig die Rückkehr zur Präsenzlehre ist.

„Flächendeckende Schulschließungen soll es definitiv nicht mehr geben.“ – das verkündete die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) Anfang September im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Aber wie sieht es an den Universitäten aus? 

Während die Hamburger Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) bereits im August optimistisch ein Präsenzsemester ankündigte, räumte die Leitung der Universität Hamburg noch im September ein: „Auch für die nächsten Monate können wir nicht ausschließen, dass es erneut zu Einschränkungen kommt, die die Präsenzlehre betreffen.“ Zwar beginnen mit dem Wintersemester erstmals wieder Veranstaltungen vor Ort, es soll jedoch auch weiterhin digitale Formate geben.

Höchste Zeit für die Frage: Wie geht es Studierenden eigentlich nach drei Onlinesemestern? Antworten liefert eine neue Studie der Universität Hildesheim und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Für ihr Projekt „Studi-Co II“ befragten die Forschenden im Sommer diesen Jahres 2.527 Studierende.

Mehr Flexibilität und bessere Arbeitsbedingungen

Keine Fahrtwege, asynchrone Veranstaltungen, Zoom-Seminare vom Sofa aus – die digitale Lehre schafft auch neue Freiräume. Die erhöhte Flexibilität betrachten zwei Drittel der Befragten als Vorteil. Doch nicht jede:r kann sich gut selbst organisieren: Das eigenständigere Lernen sehen nur 13 Prozent der Studiereden positiv, 2020 waren es immerhin noch knapp 21 Prozent.

Technische Anforderungen machen noch knapp 29 Prozent der Teilnehmenden Probleme, 2020 betraf das über 42 Prozent. Auch die individuellen Arbeitsbedingungen haben sich verbessert. Verfügten 2020 nur etwa die Hälfte der Studierenden über einen ruhigen Ort zum Lernen, so sind es inzwischen über 63 Prozent. Nach einem Jahr kommen also viele Studierende besser mit den Anforderungen der digitalen Lehre zurecht. Von einer gleichberechtigten Partizipation kann aber noch keine Rede sein.

Soziale Isolation und psychische Probleme

Vor allem das vermehrte Alleinsein macht Studierenden zu schaffen – der Wegfall sozialer Kontakte wird am häufigsten als Nachteil des digitalen Semesters genannt. Rund neun von zehn der Teilnehmenden vermissen Gespräche mit Kommiliton:innen. Aber auch der Kontakt zum Lehrpersonal ist digital nicht zufriedenstellend – knapp 81 Prozent geben an, dass ihnen der Austausch mit Dozierenden fehlt.

Die soziale Isolation scheint zudem auf die Psyche zu schlagen: Über 65 Prozent der befragten Studierenden gaben an, aufgrund der Pandemie seelische Beschwerden bekommen zu haben. Ein deutlicher Zuwachs gegenüber dem Vorjahr: 2020 litten laut eigener Aussage knapp 55 Prozent der Befragten unter psychischen Problemen, die auf die Pandemie zurückzuführen waren.

Besonders gefährdet sind Studierende der sogenannten „ersten Generation“. Verglichen mit Studierenden aus akademischen Haushalten berichten sie häufiger psychische Probleme, finanzielle Sorgen und Verzögerungen des Studienabschlusses. Ähnliches gilt für Studierende mit diagnostizierter psychischer Erkrankung. Von ihnen geben über 62 Prozent an, dass sich ihr Studienabschluss durch Corona verzögern werde. Unter Studierenden ohne solche Erkrankungen betrifft das immerhin etwa 41 Prozent.

Back to Campus!

Die Zahlen zeigen: Eine gleichberechtigte digitale Teilhabe gibt es unter Studierenden auch nach drei Corona-Semestern nicht. Soziale Isolation und psychische Probleme nehmen zu, besonders in Risikogruppen. Es wird also Zeit, dass nicht nur an Schulen, sondern auch an Universitäten eine planungssichere soziale Öffnungsstrategie vorangetrieben wird. 

Die Autor:innen der Studie fordern dazu vor allem eine Wiederbelebung des Campus-Lebens durch Öffnung von Bibliotheken, Mensen und Hochschulsport. Außerdem sollen Studierende stärker an der Gestaltung des Wintersemesters beteiligt werden und individuelle psychosoziale Unterstützungsangebote erhalten. Die vergangenen drei Semester waren Hochschulen reine Bildungsinstitutionen – im kommenden Semester sollten sie so auch wieder Orte der Begegnung werden.