gelesen: Die stumme Tänzerin

Als eine Frau aus dem Rotlichtmilieu ermordet aufgefunden wird, werden auch zwei Frauen Teil des ermittelnden Teams in Hamburg im Jahr 1928. (Foto: Svenja Tschirner)

Da das Reisen derzeit immer noch mit Risiken verbunden ist – wie wäre es mit einer Zeitreise? In eine Epoche der Ekstase und Exzesse, Drogen und Partys, die 1920er-Jahre. Neben dem ausschweifenden Leben gibt es jedoch auch Tod und Elend. Und diejenigen, die dagegen vorgehen wollen, wie die Ermittler:innen in Helga Glaeseners Roman. Willkommen in Hamburg im Jahr 1928.

Paula Haydorn ist entschlossen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, auch wenn sie aus einer sehr gut situierten Familie stammt. Der Mief der alten Zeit soll schließlich verflogen sein und auch Frauen dürfen in der Weimarer Republik arbeiten. So lässt sie sich zur Sekretärin ausbilden und arbeitet zunächst in einer Bootsmanufaktur. Dadurch, oder vielmehr durch einen Arbeitskollegen, der sie in eines der Varieté-Theater auf Sankt Pauli mitnimmt, landet sie schließlich bei der Polizei, zunächst bei einer Razzia aufgegriffen und verhaftet, dann als Sekretärin bei der erst kürzlich gegründeten Weiblichen Kriminalpolizei.

Kaum hat sie diese Stelle angetreten, wird sie in ihrer Funktion als Sekretärin zum Schauplatz eines grausamen Mordes gerufen. Die Ermittlungen laufen zunächst nur schleppend an, der anwesende Schutzpolizist hat zwar einen Mann und einen Jungen vom Tatort weglaufen sehen, kann sich aber plötzlich nur noch an wenig erinnern.

Auch wenn der Leiter der Ermittlungen, Martin Broder, bald einen ernsten Verdacht und den Bordellbesitzer Waldemar Moor zur Vernehmung aufs Revier bestellt hat, kann er diesem zunächst nicht beikommen. So arbeitet die Mordkommission weiter an der Aufklärung des Falles, in dessen Verlauf noch drei weitere Menschen ihr Leben lassen müssen.

Neben den Schwierigkeiten bei den Ermittlungen hat Paula aber auch ein Problem mit ihren Eltern. Diese hatten schon recht wenig Verständnis dafür, dass ihre Tochter unbedingt arbeiten gehen wollte, dass sie nun aber bei der Polizei tätig ist, verbieten sie ihr schlichtweg. Das wiederum will Paula nicht akzeptieren. Nachdem ihr Vater an höherer Stelle seinen Einfluss geltend macht und für ihre Entlassung sorgen will, setzt sich ihr Vorgesetzter Martin Broder für sie ein.

Licht und Schatten

Die intensive und kontrastreiche Zeit der „Goldenen Zwanziger“ beschreibt Autorin Helga Glaesener auf eine klare und direkte Art. Sie schildert sowohl die Aufbruchsstimmung, besonders der jüngeren Generation, als auch das hintergründige Verharren der Gesellschaft in den alten Sitten der Kaiserzeit.

Die Traumata, die der erste Weltkrieg bei der Bevölkerung, vor allem bei den (ehemaligen) Soldaten hinterlassen hat, schildert die Autorin einerseits im Fortgang des Romans, sie finden sich aber auch in den Köpfen und Handlungen ihrer Figuren, die darunter unterschiedlich stark leiden.

Durch ihren Schreibstil lässt die Autorin die Geschehnisse, Orte und Figuren einem Film gleich im Kopf der Leser:innen entstehen und zieht sie von den ersten Sätzen an hinein in das Hamburg eines anderen Zeitalters.

Fazit

 „Die stumme Tänzerin“ von Helga Glaesener ist ein spannender Kriminalroman, der mehr bietet als nur einen schwierigen Fall mit überraschenden Wendungen. Er schildert durch seine Protagonist:innen auch das Leben in der Weimarer Republik, in der einerseits das (Nacht-) Leben tobt und die alten, staubigen Konventionen abgestreift werden sollen, in der aber eben diese alten Sitten und Moral immer noch Bestand haben und in der auch der Nationalsozialismus schon dabei ist, zu erstarken.

AutorinHelga Glaesener
VerlagRowohlt
Seitenzahl368 Seiten
Preis10,00 Euro