Ein Jahr Klimacamp: Und jetzt?

Es geht um ihre Zukunft: Jugendliche campieren für Klimagerechtigkeit in der Innenstadt (Foto: Mia Mertens)

Schon seit einem Jahr campieren „Fridays for Future“-Protestler:innen vor der St. Petri Kirche in der Hamburger Altstadt – Zeit für eine Bilanz. Über Aktivismus in Zeiten von Corona, Streit mit der AfD und die Frage, wie es mit dem Camp weitergeht. 

Exakt 70 m² misst das Hamburger Klimacamp der „Fridays for Future“-Bewegung. Zahlreiche Stoffbanner und bemalte Paletten zieren den Außenbereich: „Time is up“, „Wir alle für 1,5 Grad“ und „FCK SUV“ – so lauten einige der Botschaften. Alles ist genau abgezählt und angemeldet: die Sitzgelegenheiten (5), der Tisch (max. 1 x 1 m), die Seitenwände des Pavillons (nur 2) und sogar die Anzahl der vielen Getränkekisten. Wer sind die jungen Menschen, die sich hier eingerichtet haben und wie geht es ihnen nach einem Jahr?

Wie alles begann …

Entstanden sei die Idee schon vor zwei Jahren, erzählt Maia, die Pressesprecherin der Hamburger „Fridays for Future“ (FFF) Gruppe. Am 13. August 2019 stellte FFF drei Forderungen an den Hamburger Senat: Klimaneutralität bis 2035 (statt 2050), Kohleausstieg bis 2025 (statt 2030) und eine autofreie Innenstadt.

Seitdem habe sich zu wenig getan, so die 15-jährige Schülerin. Exakt ein Jahr später, am 13. August 2020, gründeten um die 30 Jugendliche zum Zeichen ihres Protests daher das Klimacamp Hamburg, zunächst am Gänsemarkt. Da dort schon einige andere Veranstaltungen angemeldet waren, zogen sie nach ein paar Wochen um an den Speersort gegenüber der St. Petri Kirche. Dort richteten sie sich mit Schlafsäcken auf Holzpaletten ein, geschützt durch einen Pavillon mit zwei Seitenwänden und einem Dach. Dazu kam eine Spüle für den Abwasch, ein kleines Zelt für Vorräte sowie ein Solarpanel für die Stromversorgung. 

Es folgten diverse bürokratische Auseinandersetzungen mit der Versammlungsbehörde. Ein Protestcamp darf nicht häuslich eingerichtet sein – daher gibt es genaue Vorgaben bezüglich der Anzahl an Sitzgelegenheiten, Seitenwänden oder Tischen. Alle Verstöße bedrohen den Versammlungscharakter des Lagers. Das gilt auch fürs Schlafen: Schlummernde Personen sind keine Versammlungsteilnehmenden. Sind weniger als zwei Personen wach, so wird die Versammlung aufgelöst. Die Camp-Mitglieder teilen sich daher nachts in Schichten ein, berichtet der 22-jährige Aktivist Nils. Seit einem Jahr seien jeden Tag und jede Nacht mindestens zwei Personen vor Ort gewesen.

Die Farbgebung dieser Palette lässt erahnen, an wen sich die Botschaft richtet (Foto: Mia Mertens)

Streit mit der AfD

Die Gruppe hat sich einen provokanten Platz für das Camp ausgesucht: Direkt gegenüber befindet sich das Büro der AfD Bezirksfraktion Hamburg-Mitte. Die Partei wirbt für die Bundestagswahl mit einem „Nein zur großen Transformation“. Gemeint ist das Projekt der Dekarbonisierung. Die Aussage des Weltklimarats, der Klimawandel sei menschengemacht, zweifelt die AfD zudem an. 

Man kann sich also vorstellen, was diese Partei von Bewegungen wie „Fridays for Future“ halten mag. Die Aktivist:innen hatten daher eine Fahne mit der Aufschrift „FCK AFD“ im Camp gehisst. Nach einer Beschwerde der Partei sei diese vom Staatsschutz beschlagnahmt worden, erzählt Maia. Die Ermittlungen würden laufen. Außerdem sei FFF verboten worden, dieselben Worte noch einmal im Camp zu verwenden. Die Aktivist:innen hatten jedoch schnell eine neue Idee (siehe Foto).

Nicht alle sind unfreundlich

Größtenteils sei das Feedback von außen allerdings positiv, so Maia und Nils. Bei schönem Wetter kämen pro Stunde manchmal fünf bis zehn Leute vorbei, um sich mit den Jugendlichen auszutauschen. Gesprächseinstieg biete dabei meist der Forderungsbanner im Eingang des Camps, berichtet Nils. Bleiben Leute interessiert daran stehen, sprechen die Aktivist:innen sie an und beantworten Fragen. 

Einmal pro Woche bemühen sich die Camper:innen zudem um kreative Veranstaltungen. Auf dem Programm stehen etwa gemeinsame Musiksessions, Kleidertauschpartys oder Diskussionsrunden. Das geht natürlich nur mit Schutzmaßnahmen: Desinfektionsmittel steht bereit, Abstände werden gewahrt und bei größeren Treffen muss die Maske her. Und wenn mal nichts ansteht, kommen die Campmitglieder ihren sonstigen Verpflichtungen nach: Schüler:innen erledigen Hausaufgaben und Studierende verfolgen, dank stabiler Internetverbindung im Camp, Zoom-Seminare.

Präsenz zeigen trotz Pandemie

Noch vor zwei Jahren brachte FFF zum globalen Klimastreik 70.000 bis 90.000 Menschen auf die Hamburger Straßen. Dann kam Corona: Abstandsgebote und Kontaktbeschränkungen machten Demonstrationen dieser Größenordnung unmöglich. Der globale Klimastreik wurde 2020 also größtenteils ins Netz verlagert. „Es ist irgendwie das Gefühl entstanden, FFF sei jetzt tot und weg“, erklärt Maia.

Umso schöner sei es, nun am Speersort von Passant:innen mit einem „Ach, euch gibt’s noch“ angesprochen zu werden. Es geht also vor allem um Sichtbarkeit. Und wie könnte man die besser erreichen als mit einem Camp mitten in der Innenstadt, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche? 

Die drei wichtigsten Forderungen der FFF-Bewegung für Hamburg (Foto: Mia Mertens)

„Aufgeben ist keine Option“

Dennoch sei es nicht immer leicht gewesen, erzählt Maia: Regen, Schnee, Kälte, ein einstürzender Pavillon – die Aktivist:innen haben viel durchgemacht. „Manchmal fragt man sich da schon: Was zur Hölle mache ich hier? Warum liege ich nicht in meinem bequemen, warmen Bett?“, gibt die Schülerin zu. Auf die Frage, was sie trotz allem habe durchhalten lassen, antwortet sie, es gäbe schlichtweg keine andere Option. 

Es ist bewundernswert, wie erwachsen die 15-Jährige auftritt. Sie wirkt fest entschlossen, weiter zu kämpfen, bis sich in der Politik etwas ändert. Man wünscht sich, dass sich tatsächlich erwachsene Poltiker:innen eine Scheibe Verantwortung von ihr abschneiden würden. 

Eine Bilanz

Insgesamt sind Maia und Nils sehr stolz, ein Jahr durchgehalten zu haben. Dennoch löst das Jubiläum keine überschwängliche Feierlaune aus. „In der Politik ist leider noch nicht so viel angekommen“, meint Nils – da gebe es noch „dringenden Nachholbedarf“. Ob sie denn mal ein Politiker oder eine Politikerin besucht hätte? Ja, ganz am Anfang, meinen die beiden. Wer das genau war und was daraus geworden ist, daran erinnern sie sich nicht mehr.

Aber die Intention sei auch nicht gewesen, die Hamburger Klimapolitik „grundlegend zu revolutionieren“, meint Maia. Es ging um Sichtbarkeit und darum, mit den Bürger:innen in den Dialog zu treten. Die neu entstandene Protestform bringt FFF den Leuten nah, näher als es auf einer Demonstration möglich wäre. Das sei der größte Erfolg des Camps, resümiert Maia.

Wie geht es weiter?

Maia und Nils beschreiben das Camp als „Basislager“, aber auch als „kleines Zuhause“. Immer wieder kommen Mitglieder vorbei, hier kennt jede:r jede:n. Aus dem Kampf für ein gemeinsames Ziel ist ein enger Zusammenhalt entstanden. Dennoch stoßen die Aktivist:innen an die Grenzen ihrer Kapazitäten. Schweren Herzens wurde daher beschlossen: Am 6. September wird das Klimacamp abgebaut.

Die Bewegung will ihren Fokus in den nächsten Wochen stattdessen stärker auf die Bundestagswahl lenken. „Die nächste Bundesregierung, die gewählt wird, die muss umsteuern“, meint Maia. Aus diesem Grund soll, ebenfalls am 6. September, in Berlin ein großes Klimacamp errichtet werden. Die Hamburger FFF-Gruppe unterstützt das Berliner Camp und kümmert sich gleichzeitig um den globalen Klimastreik am 24. September. Mit umfassendem Hygienekonzept erwarten sie dort bis zu 20.000 Demonstrierende zurück auf den Straßen der Hansestadt. 

Ein weiterer Trost: Das Klimacamp wird den Abbau wohl überdauern. Denn laut Aussage der Aktivist:innen habe ein Hamburger Museum bereits angefragt, Teile der Einrichtung zu archivieren. Vielleicht werden die Stücke dann eines Tages ausgestellt, um den Erfolg von FFF zu feiern.