gefragt: „Das Meer ist noch so unerforscht“

Zwei Wochen lang war Lucilla Teil des Forschungsteams an Bord der „ATAIR“ und untersuchte Strömungen im Nordatlantik. (Foto: Dagmar Kieke/Kevin N. Wiegand, Universität Bremen)

Lucilla Krohn war zwei Wochen als wissenschaftliche Hilfskraft an Bord der „ATAIR“, einem Forschungsschiff des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Im Interview mit KOPFZEILE berichtet die 24-jährige Bachelorabsolventin der Universität Hamburg von ihrer Forschungsreise und macht deutlich, wie wichtig unser Wissen über die Weltmeere für den Umgang mit klimatischen Herausforderungen ist.

Kopfzeile: Lucilla, du warst vor kurzem auf einer Expedition im Nordatlantik. Was habt ihr dort untersucht und wie lange warst du mit deiner Forschungsgruppe unterwegs?

Lucilla: Wir haben die Strömungen am Schelfabhang, das heißt wo der Übergang zwischen Schelfmeer und tiefem Ozean ist, untersucht. Letztendlich waren wir „nur“ zwei Wochen unterwegs, vom 3. bis 17. Juni 2021. Eigentlich waren drei Wochen geplant, allerdings hatte das Schiff kurz zuvor einen Motorschaden und musste noch repariert werden.

Kopfzeile: Hat eure Forschungsarbeit schon Früchte getragen?

Lucilla: Wir haben die Daten schon teilweise ausgewertet, ein endgültiges Ergebnis steht aber noch nicht fest. Da ich als wissenschaftliche Hilfskraft dabei war, bin ich nicht aktiv an der nachträglichen Auswertung der Messergebnisse beteiligt. Dennoch habe ich mir vor Ort auf jeden Fall ein Bild davon machen können, wie sich die Strömungen dort aktuell verhalten. Im Vergleich zum Vorjahr, in dem die Messungen schon einmal durchgeführt worden sind, waren leichte Veränderungen direkt zu erkennen. Zum Beispiel sind bestimmte Randströmungen nun stärker beziehungsweise schwächer ausgeprägt oder haben sich in der Zwischenzeit verlagert.

Anders als an Land beziehungsweise in der Stadt konnten wir durch die geringe Lichtverschmutzung von der Schiffsbrücke aus sogar die Milchstraße sehen. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben so viele Sterne gesehen.

Lucilla Krohn

Kopfzeile: Was war deine Aufgabe an Bord?

Lucilla: Das Team bestand aus 18 Crew-Mitgliedern und 14 wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen, darunter drei Studierende, die mehrheitlich im Forschungsbereich arbeiten und das Projekt angeleitet haben. An Bord gab es verschiedene Messlabore. Ich war in einem davon, in dem Sauerstoffmessungen durchgeführt wurden, um zu schauen, wie hoch die Sauerstoffsättigung in den verschiedenen Schichten des Ozeans ist. Daneben gab es das sogenannte CTD-Labor: Im Ozean wurde ein Messinstrument ab- und aufgefahren, wobei Profile von der Wasserschicht erfasst und anschließend im Labor im Hinblick auf die Leitfähigkeit (Conductivity) und damit auf den Salzgehalt, Temperatur (Temperature) und Tiefe (Depth) untersucht wurden. Die Crew und die Personen im CTD-Labor haben in ständiger Schichtarbeit gearbeitet: Eine Schicht war vier Stunden lang und wurde von jeweils drei Leuten übernommen.

Kopfzeile: Was war dein schönstes Erlebnis auf Reise?

Lucilla: Ich denke, unvergleichlich waren die Wale und Delphine, die ganz nah an unser Schiff gekommen sind und auch irgendwie interessiert schienen. Manchmal sind es einfach immer mehr geworden; am Anfang waren es zwei oder drei Tiere und plötzlich dann waren es zehn oder mehr! Das Lot macht natürlich starke Geräusche und hat sie so möglicherweise angelockt. Es war schön, solche Tiere, die man ansonsten nur in Gefangenschaft sieht, quasi hautnah im Ozean erleben zu können. Beeindruckend war außerdem eine besonders sternklare Nacht. Anders als an Land beziehungsweise in der Stadt konnten wir durch die geringe Lichtverschmutzung von der Schiffsbrücke aus sogar die Milchstraße sehen. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben so viele Sterne gesehen.

Kopfzeile: Gab es während eurer Reise auch Schwierigkeiten oder Komplikationen?

Lucilla: Ja, es gab auch Komplikationen. Beispielsweise hatten wir eine Leihwinde aus England, die nicht so funktioniert hat, wie sie hätte funktionieren sollen. Der Nordatlantik ist circa 4000 Meter tief. Wir wollten mit dieser Messsonde eigentlich das gesamte Profil herunterfahren, doch sie hat sich ungewollt gedreht und ließ sich auch nicht richtig aufwickeln. Das war schon stressig. Letztlich haben wir die Messung dann mit der schiffseigenen Winde durchgeführt, die sich nur auf 2000 Meter herunterfahren ließ. So konnten wir nur den „halben Ozean“ vermessen, was schade ist. Ein anderes Mal bekamen wir Nachricht von einem Tauchunfall in der Nähe unseres Schiffes. Als Forschungsschiff ist die „ATAIR“ schließlich sehr gut ausgerüstet: Wir hatten eine Dekompressionskammer, ein Beiboot und theoretisch auch einen kleinen Hubschrauberlandeplatz. Leider kam für den Taucher aber jede Hilfe zu spät.

Kopfzeile: Hattet ihr hin und wieder auch Freizeit?

Lucilla: Gerade zu Beginn hatten wir viel Freizeit, denn um vom Bremerhaven in den Nordatlantik zu gelangen, benötigt man circa drei Tage, in denen wir natürlich noch nicht richtig messen konnten. Dennoch hatten wir schon Einiges zu tun und zum Beispiel auch Einweisungen, in denen wir uns vorbereitet haben. Für freie Zeiten hatten wir einen Beamer und eine Leinwand an Bord, auf der wir unterwegs unter anderem „Fluch der Karibik“ angeschaut haben. Wenn das Wetter gut war, haben wir uns auch einfach alle zusammen nach draußen gesetzt, Spiele gespielt und ein Feierabend-Getränk genossen. Im Schichtdienst hat sich das dann aber geändert, weil wir unterschiedliche Schlafenszeiten hatten.

Kopfzeile: Sind solche Forschungsreisen fester Bestandteil deines Studiums? Auf der Website der Uni Hamburg heißt es, dass der Bachelorstudiengang Geophysik/Ozeanographie stark praktisch orientiert ist. Inwiefern stimmt das in deinen Augen?

Lucilla: Eigentlich ist unser Studiengang recht theoretisch, weil wir viel modellieren und oft am Computer sitzen. Wir hatten aber mehrere Messpraktika, einmal auch für zehn Tage auf einem kleinen Forschungsschiff in der Nordsee, genauer in der Nähe der Ölplattform Mittelplate bei Büsum. Solche Forschungsreisen wie jetzt auf der „ATAIR“ macht man eher auf Eigeninitiative hin. Es ist auch einfach nicht leicht, Plätze für Forschungsfahrten zu bekommen, weil diese immer heiß begehrt sind.

Kopfzeile: Warum hast du dich überhaupt für deinen Studiengang entschieden? Hat dich das Meer schon immer interessiert?

Lucilla: Ich komme ursprünglich aus München und würde, wenn ich mich zwischen dem Meer und den Bergen entscheiden müsste, immer die Berge wählen. Trotzdem habe ich wie viele Menschen natürlich auch eine gewisse Meeresfaszination. Das Meer gibt mir aufgrund der langsamen Bewegungen eine wahnsinnige Ruhe. Außerdem finde ich das Meer super interessant, weil es noch so dermaßen unerforscht ist und es mehr Untersuchungsmöglichkeiten bietet als die Berge.

Selbst wenn wir Menschen an Land es schaffen sollten, das 2-Grad-Ziel einzuhalten, müssen wir wissen und berücksichtigen, dass uns die Weltmeere die Klimaerwärmung noch über Jahrhunderte hinweg anzeigen werden, weil sie schlichtweg so viel gespeicherte Wärme enthalten.

Lucilla Krohn

Kopfzeile: Apropos Forschungsmöglichkeiten: Wie schätzt du die Rolle deines Studiengangs für die Klimaforschung, möglicherweise sogar für die Bewältigung des Klimawandels, ein?

Lucilla: Die Frage ist nur sehr schwer zu beantworten. Unsere Forschungsgebiete sind aber auf jeden Fall sehr wichtig, um die Prozesse des Klimawandels zu verstehen – insofern dienen sie womöglich als Grundlage für alles Weitere. Die Ozeane der Erde speichern sehr viel Wärme und Kohlenstoffdioxid. Selbst wenn wir Menschen an Land es schaffen sollten, das 2-Grad-Ziel einzuhalten, müssen wir wissen und berücksichtigen, dass uns die Weltmeere die Klimaerwärmung noch über Jahrhunderte hinweg anzeigen werden, weil sie schlichtweg so viel gespeicherte Wärme enthalten. Für valide Aussagen und Zukunftsprognosen, was das Klima betrifft, dürfen wir uns also nicht nur auf die Landflächen konzentrieren, sondern wir müssen genauso die Ozeane mit in unsere Überlegungen und Forschungsarbeiten einbeziehen.

Kopfzeile: Letzte Frage: Hast du schon Pläne für die Zeit jetzt nach deinem Bachelorabschluss?

Lucilla: Inzwischen bin ich schon für meinen Master in „Ocean and Climate Physics“ an der UHH angemeldet. Die Masterarbeit würde ich gerne in Bergen in Norwegen schreiben, um dort womöglich auch langfristig verstärkt in die Eisforschung zu gehen, da dies ein Gebiet ist, das uns voraussichtlich nicht mehr lange erhalten sein wird. Bis dahin möchte ich das Eis unbedingt noch weiter untersuchen! Momentan ist auch die Promotion geplant, aber dieses Ziel schwebt jetzt noch in ferner Zukunft.

aktualisiert am 31. Juli 2021

Die Schiffe des BSH sind nach verschiedenen Sternenbildern benannt. „ATAIR“ (auch „Altair“) ist der hellste Stern im Sternbild Adler („Aquila“). (Foto: Dagmar Kieke/Kevin N. Wiegand, Universität Bremen)