gelesen: Klasse und Kampf

"Klasse und Kampf" ist im März 2021 im Claassen-Verlag erschienen (Foto: Valentin Hillinger)

Deutschland ist eine Klassengesellschaft. Der Reichtum ist so ungleich verteilt wie in kaum einem anderen europäischen Land. Die reichsten 10 Prozent besitzen rund zwei Drittel des Vermögens. Was bedeutet es, in so einer Gesellschaft „unten“ aufzuwachsen? Was bedeutet es, sich von seinem sozialen Herkunftsmilieu zu entfernen, „aufzusteigen“, aber nie so richtig anzukommen? Diese Fragen behandelt der 2021 erschienene Essayband „Klasse und Kampf“.

„Klasse und Kampf“ – was auf den ersten Blick wie ein Manifest, eine Programmschrift der antikapitalistischen Linken klingt, entpuppt sich als das Gegenteil: Es ist ein Essayband voller persönlicher Texte, der die Widersprüche des modernen Kapitalismus auf einer persönlichen Ebene greifbar macht. 14 Autor:innen, darunter etwa Anke Stelling oder Kübra Gümüşay beschreiben Episoden aus ihrem Leben in einer Klassengesellschaft, von den feinen Unterschieden, die diese stabilisieren und was ein Leben im sozialen „Unten“ bedeutet.

Die persönliche Perspektive soll, so die Herausgeber Maria Barankow und Christian Baron, als eine „Einladung zur Empathie“  verstanden werden. Die Essays sind höchst unterschiedlich. Auf der einen Seite findet man selbstreflexive Texte wie den von Anke Stelling, die vom Leben ihrer Schwiegermutter erzählt. Auf der anderen Seite findet man Absätze bei Schorsch Kamerun, dem Sänger der Goldenen Zitronen, die an lautes Nachdenken oder einen Songtext erinnern.

Die Vielfalt der Stilformen schlägt sich auch in der Vielfalt der Autor:innen und ihrer Geschichten nieder. In „Klassensprecher“ schlägt die britische Autorin und Trägerin des Ingeborg-Bachmann-Preises Sharon Dodua Otoo eine Brücke zwischen ihrer aktuellen Lage in der Pandemie und ihrem Aufwachsen in einer westafrikanischen Einwandererfamilie in Großbritannien. Nur wenige Seiten davor kann man über den Journalisten Arno Frank und seine Sozialisation in Westdeutschland lesen. Diese Vielfalt macht den Band zu einer Zusammenstellung vielschichtiger und nachdenklicher Beobachtungen des Lebens im Kapitalismus.

Klassenstrukturen greifbar machen

Deutschland begreift sich gerne als ein gerechtes, gleiches Land. Armut wird nur als ein Randphänomen notiert, die neoliberale Agenda à la „Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist in die deutsche Gesellschaft tief eingeschrieben. Die Berichte und Eindrücke der 14 Autor:innen von „Klasse und Kampf“ zeichnen ein gegenteiliges Bild von Deutschland. Armut ist demnach etwas, dem man nie ganz entkommen kann. Barrieren und Hindernisse, Lebenssituationen und Klassenstrukturen die man vielleicht abstrakt aus soziologischen Texten kennt, werden von den Autor:innen eindrücklich geschildert und werden so persönlich greifbar.

Die Klassenstrukturen drücken sich nicht nur in ökonomischer Ungleichheit aus, denn Klasse ist mehr als Geld. Sie definiert sich auch über kulturelle und soziale Codes, die das Verhalten leiten und die Struktur der Gesellschaft stabilisieren. Gerade von diesen Codes lässt es sich nicht so leicht lösen, wie die Autor:innen eindrücklich beschreiben. Denn einen „sozialen Aufstieg“, wie man klassischerweise sagen würde, haben die Beitragenden zweifelsohne geschafft. Journalist:innen und Schriftsteller:innen, wie die meisten heute sind, zählen wohl eher nicht zur unterdrückten Klasse. Das Unbehagen im neuen sozialen Umfeld bleibt den „Aufgestiegenen“ jedoch lange – und wird nie vollständig abgelegt.

Zu welcher Klasse gehöre ich?

Die Klassenbiographien der Autor:innen sind dabei selten einfach in Worte zu fassen. Die Widersprüche des modernen Kapitalismus machen auch die Sozialanalyse zu einem uneindeutigen Feld. Gibt es noch eine klassische Arbeiterklasse? Gehört man zur Mittelschicht, wenn man zwar ökonomisch die entsprechenden Mittel hat, aber noch nie ein Theater von innen gesehen hat? Wo ordnet man eigentlich prekär lebende Schriftsteller:innen ein, die über einen hohen sozialen aber einen niedrigen ökonomischen Status verfügen? Alle diese Verflechtungen werden auch im Essayband thematisiert, wenn die Autor:innen ihre eigene Herkunft reflektieren und, wie Sharon Dodua Otoo, fragen: „Zu welcher Klasse gehöre ich?“

Die Soziologie betreibt seit ihrer Gründung Analysen der Gesellschafts- und Klassenstruktur. Dass diese dabei oft abstrakt und schwer greifbar bleiben, ist weniger inkompetenten Soziolog:innen, sondern der Komplexität der Strukturen geschuldet. „Klasse und Kampf“ macht sie besser verständlich. Leser:innen können für kurze Zeit mit den Autor:innen in verschiedenste Lebenswelten und die abstrakten und diffusen Systeme der Unterdrückung greifen.

Fazit

Ein Empathieangebot, wie es die Herausgeber wollten, ist ohne Zweifel gelungen. Die vielfältigen Perspektiven, die auch von Fällen der Mehrfachdiskriminierung (Rassismus, Sexismus und Klassismus) erzählen, zeigen, dass das Konzept der Klasse im Diskurs über Gesellschaft unverzichtbar ist – und dass Deutschland nicht so gleich ist, wie allgemein angenommen.

Der Essayband schafft es, ohne Polemik den Leser:innen zu vermitteln, was es bedeutet, in Armut zu leben – in einem so reichen Land wie Deutschland. Er ermöglicht der Leserschaft, den etwas verstaubten Begriff der „Klasse“ neu zu fassen und seine Bedeutung im Diskurs zu manifestieren. Maria Barankow und Christian Baron präsentieren mit „Klasse und Kampf“ wichtige und vielfältige Perspektiven, die die Gegenwart ein bisschen verständlicher machen.

Autor:inChristian Baron (Hrsg.) & Maria Barankow (Hrsg.)
VerlagClaassen (Ullstein)
Preis20,00 Euro
Seitenzahl224