gesehen: Alles was Sie wollen

Vom 08.06.2021 bis zum 20.06.2021 präsentierten zwölf Privattheater aus ganz Deutschland ihre Stücke in Hamburg. Die Privattheatertage endeten mit der Verleihung der Monica Bleibtreu Preise. (Foto: Svenja Tschirner)

Glück gilt vielen Menschen als sehr erstrebenswert. Aber was braucht der Mensch, um glücklich zu sein? Kann man zu glücklich sein? Diese Frage würde die Protagonistin aus „Alles was Sie wollen“ sicherlich mit „Ja“ beantworten. Das Zwei-Personen-Stück, präsentiert vom Torturmtheater Sommerhausen, war das letzte Stück der diesjährigen Privattheatertage in Hamburg, die am 20. Juni 2021 mit einer Gala und der Verleihung der Monica Bleibtreu Preise endeten.

Lucie Arnaud (Silvia Ferstl) ist Dramatikerin, sie schreibt erfolgreiche Theaterstücke – oder besser gesagt, sie schrieb. Denn sie leidet seit einiger Zeit an einer Schreibblockade und bringt keine einzige Zeile zu Papier, noch nicht einmal den Titel für ihr nächstes Stück. Das Problem: Lucie geht es einfach zu gut. Schließlich gründete der Erfolg ihrer vorangegangenen Arbeiten darin, dass sie in ihnen ihre schwere Kindheit und Jugend verarbeitete. Aber nun hat sie nicht nur Erfolg mit ihren Stücken, sondern auch einen liebevollen Ehemann, der in seinem Beruf als Schauspieler ebenfalls erfolgreich ist. Wegen ihres schönen, glücklichen Lebens kann Lucie nun nicht mehr schreiben. Also versucht sie verzweifelt, ein wenig unglücklicher zu werden. Da trifft es sich gut, dass sie versehentlich das Wohnzimmer ihres neu eingezogenen Nachbarn unter Wasser setzt. Sie hatte vor lauter Frust über die Schreibblockade vergessen, die Hähne ihrer Badewanne wieder zuzudrehen.

So platzt Thomas (Axel Brauch) in ihr Leben und verstrickt sie wider Willen in ein Gespräch über Adverbien und ihre Stücke. Als er dann auch noch feststellt, dass sie sich zum „Abendessen“ zur Frühstückszeit eine Pizza bestellt hat, schmeißt er diese kurzerhand aus dem Fenster und nötigt Lucie sein selbstgemachtes Frikassee auf.

Wie Feuer und Wasser

Thomas wohnt zwar noch nicht so lange in dem Pariser Mehrparteienhaus, kennt aber schon sehr viele der anderen Bewohner:innen –  anders als Lucie, die dort schon länger wohnt. Auch sonst sind sich die beiden sehr unähnlich. Sie kreist vor allem um sich selbst, ihre Sorgen und ihre Stücke, während er ständig versucht anderen zu helfen.

Auch als er von Lucies Schreibblockade erfährt und ihr mitteilt, dass es schon ein Premierendatum für das nicht vorhandene Stück gibt, bemüht Thomas sich nach Kräften, ihr beizustehen. Die beiden kommen sich in Laufe der Zeit immer näher und versuchen gemeinsam, Lucies Leben ein wenig unglücklicher zu machen. Sie spielt ihrem Ehemann schließlich vor, sie habe eine Affäre. Dieser wird fuchsteufelswild und Lucie ist begeistert darüber, dass ihr Plan aufgeht. Endlich kann sie wieder schreiben. Allerdings klärt sie ihren Mann erst (zu) spät über die wahren Umstände ihrer angeblichen Affäre auf, was Thomas entsetzt.

Diese beiden so unterschiedlichen Charaktere werden von Silvia Ferstl und Axel Brauch mit viel Charme überzeugend gespielt. Die jeweiligen Eigenheiten der Figuren stellen sie mit einem guten Gespür dar. Sie, die überhebliche, eingebildete Schriftstellerin und er, der etwas naive, aber auch schlagfertige und einfallsreiche Nachbar liefern sich auf der Bühne ein ums andere Mal scharfe und unterhaltsame Wortgefechte, in denen sie den oder die andere:n immer mal wieder aufs Korn nehmen.

Was ist schon real

Auf der Bühne mischen sich bald Realität und Fiktion, als Lucie und Thomas ihre Gedanken und später das entstehende Stück durchgehen. Mithilfe verschiedener Lichteinstellungen wird bis zu einem gewissen Grad klar, ob das gerade Geschehende Teil der Rahmenhandlung oder Element ihrer Fantasie ist. Insgesamt kommt das Stück mit wenigen Requisiten und einem schlichten Bühnenbild aus. Es braucht nur einen Tisch, zwei Bilder, ein Regal, ein Sofa sowie ein paar Stühle und die Geschichte kann ihren Lauf nehmen. Auch die Kostüme sind schlicht gehalten. Zwischen den einzelnen Szenen, zum Umbau und während Lucies Versuchen zu schreiben, wird zudem swingende, französisch angehauchte Musik gespielt.

Fazit

Mit der Komödie „Alles was Sie wollen“ zeigt das Torturmtheater Sommerhausen ein Stück, dass die diesjährigen Privattheatertage auf interessante und augenzwinkernde Weise abschließt. Wie schon das Eröffnungsstück „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist auch diese Komödie Theater über Theater.

Den beiden Darsteller:innen Silvia Ferstl und Axel Brauch setzen ihre Charaktere gekonnt in Szene, die Dialoge zwischen den beiden sind immer wieder von Sprachwitz und Ironie geprägt. Der Einsatz des Lichtes, Bühnenbild und Kostüme tragen ebenso zu den Ent- und Verwicklungen der Komödie bei.

Darsteller:innenSilvia Ferstl, Axel Brauch
TechnikFalk Steinle, Steffen Schroll, Matthias Fischer
Szene und KostümAngelika Relin
RegieOliver Zimmer

Auf der Gala zum Abschluss der Privattheatertage wurden die Stücke „Extrawurst“ (Ohnsorg Theater), „Wir kommen“ (Zentraltheater München), „Eine blassblaue Frauenschrift“ (Kleines Theater am Südwestkorso, Berlin) und „Ein Waldspaziergang“ (Forum Theater Stuttgart) mit den Monica Bleibtreu Preisen in den jeweiligen Kategorien Komödie, (zeitgenössisches) Drama, (moderne) Klassiker und Publikumspreis ausgezeichnet. Die Veranstaltungen waren teilweise ausverkauft, und insgesamt mit etwa 85 Prozent ausgelastet. Auch für das kommende Jahr sind die Privattheater geplant. Dann sollen wieder verschiedene Stücke von Privattheatern aus ganz Deutschland in Hamburg zu sehen sein.