Was Deutschland von Österreich lernen kann

Schon in ein paar Wochen könnte es in Wien schon wieder so lebendig sein wie hier zu sehen (Archivbild). (Foto: andreas N/pixabay)

In Deutschland wirkte die Politik in der Corona-Krise zuletzt immer getriebener, vorhersehbare Probleme wurden viel zu spät angegangen. Dass man auch vorausschauender agieren kann, zeigt Österreich mit seiner Teststrategie – und einer klaren Perspektive für die Zukunft.

„Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen“. Dieser Satz von Gesundheitsminister Jens Spahn aus dem vergangenen Frühjahr sollte wohl schon vorwegnehmen, dass Politik bei der Bekämpfung der Corona-Krise nicht immer richtig handeln wird. Tatsächlich lag Spahn mit einigen Einschätzungen daneben und musste vorschnelle Versprechen im Nachhinein oft wieder zurücknehmen. So kündigte er im Februar an, dass man sich ab dem 1. März beispielsweise kostenlos in Apotheken per Schnelltest testen lassen könne. Das hat bekanntlich überhaupt nicht geklappt, erst eine Woche später konnte man sich auf die Kostenübernahme der Tests durch den Bund einigen.

Der Blick zu unseren österreichischen Nachbarn zeigt, wie sehr Deutschland beim Testen hinterherhinkt. Schon seit Ende letzten Jahres konnten dort viel mehr Bürger:innen einen Schnelltest in Anspruch nehmen, zunächst nur bei Symptomen und später dann für alle. Allein in der Hauptstadt Wien kann man sich in zehn Teststraßen kostenlos auf Corona testen lassen, die Termine dafür lassen sich ganz einfach online buchen. Mittlerweile können die Wiener:innen sogar vier Gurgeltests pro Woche aus der Drogerie zum Hausgebrauch bekommen, ebenfalls für lau. Immerhin bringt es Deutschland jetzt auch auf ein umfassenderes Angebot an Testzentren als noch vor zwei Monaten.

Dank Massentests kann Österreich wieder öffnen

An diesem Beispiel zeigt sich eine grundlegend unterschiedliche Herangehensweise bei der Pandemiebekämpfung: Durch flächendeckendes Testen sollen Ausbrüche schneller und gezielter eingedämmt und gleichzeitig behutsame Öffnungen ermöglicht werden. Zwar mussten einige Bundesländer – darunter Wien – im Osten des Landes zwischenzeitlich wegen steigender Infektionszahlen in einen „Oster-Lockdown“ gehen, insgesamt scheint die Pandemie jedoch unter Kontrolle zu sein. Die 7-Tage-Inzidenz ist seit Wochen rückläufig und liegt im Moment bei etwa 140 – vergleichbar mit dem Wert in Deutschland. Da ist es nicht verwunderlich, dass der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz für den 19. Mai bereits die Öffnung von Restaurants, Kultureinrichtungen und Hotels in Aussicht stellt.

Währenddessen gibt es in Deutschland einen Flickenteppich an Regeln und zunehmende Verwirrung und Unmut über eine erratisch agierende Politik. Das zeigt sich aktuell besonders an der sogenannten Bundes-Notbremse, die ein bundesweit einheitliches Vorgehen bei den Corona-Beschränkungen vorschreibt. Starre Inzidenzwerte (man denke nur an die 165, die über den Schulbetrieb entscheiden soll) führen im schlimmsten Fall zu einem ständigen Hin und Her bei Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren.

Weniger reagieren, mehr agieren

Nach über einem Jahr der Corona-Krise und einem monatelangen „Lockdown“, der insbesondere die Kultur- und Gastronomiebranche noch nachhaltig beschäftigen wird, wäre es an der Zeit, den Menschen konkrete Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Auch hier prescht die Alpenrepublik vor und plant, dass man schon drei Wochen nach der Erstimpfung ohne negativen Corona-Test in ein Restaurant oder Theater gehen kann. In Deutschland soll das nur für vollständig Geimpfte gelten. Darüber hinaus fehlt ein schlüssiges Konzept für einen fälschungssicheren Impfnachweis, die ersehnte europäische Lösung lässt noch auf sich warten. Währenddessen arbeitet Österreich an einem digitalen Impfpass, Anfang Juni soll er kommen.

Sicherlich lässt sich darüber streiten, ob weitergehende Lockerungen der Maßnahmen sinnvoll sind. Das Infektionsgeschehen ist in Österreich lokal stark unterschiedlich, der Westen des Landes entwickelt sich zu einem neuen Hotspot. Die beschlossenen Öffnungsschritte werden wohl zumindest kurzfristig zu höheren Infektionszahlen führen, wie Österreichs Kanzler Kurz bereits eingeräumt hat. Außerdem ist eine Pandemie ein ständiger Lernprozess, bei dem Fehler mit einkalkuliert werden müssen. Dennoch ist es frustrierend zu sehen, wie Deutschland an Problemen scheitert, die durchaus vorhersehbar waren. Statt proaktiv zu handeln wurde nur reagiert, und das meist auch viel zu langsam. Länder wie Österreich zeigen, dass es auch anders geht. Ob und wie viel die Bürger:innen Spahn da noch verzeihen können, wird die Zeit zeigen.