gelesen: Das Geheimnis von Zimmer 622

Eigentlich will Joël Dicker Urlaub machen im Palace de Verbier in den Schweizer Alpen. Aber dann wird er mit seiner Zimmernachbarin in eine Mordermittlung verwickelt. Foto: Svenja Tschirner

Eine der größten Schweizer Banken veranstaltet im vornehmen Hotel Palace de Verbier ihr sogenanntes „Großes Wochenende“. Das Spannendste daran soll eigentlich nur die Ernennung des neuen Bankpräsidenten werden – doch es kommt ganz anders. Im Hotel geschieht ein Mord und die Polizei tappt im Dunkeln. Schließlich nimmt sich der Schriftsteller Joël Dicker, Autor dieses Buches, der Sache an.

Eigentlich wollte er nur Urlaub in der Schweizer Alpen machen, um seiner Heimatstadt Genf und seinem Liebeskummer zu entfliehen. Aber im Palace de Verbier, dem eleganten Hotel vor Ort, trifft Joël Dicker auf die Britin Scarlett Leonas. Er erzählt Scarlett Leonas zunächst von Bernard de Fallois. Dieser war Joel Dickers „Verleger, Freund und Lehrmeister“, wie es in der Widmung und starb im Januar 2018, etwa ein halbes Jahr vor der Rahmenhandlung des Romans. Dann sprechen die beiden über das Schreiben von Romanen. Um ihr zu beweisen, dass man zum Schreiben Tatsachen in Fragen übersetzen muss, greift Dicker auf eine Besonderheit im Hotel zurück: Die Nummerierung der Zimmer in der sechsten Etage, in der auch die Zimmer der beiden liegen. Denn anders als es zu erwarten wäre, hat das Zimmer von Scarlett Leonas nicht die Nummer 622, entsprechend der Reihenfolge auf dem Flur, sondern die Nummer 621a.

Auf ihre Fragen für den Grund dieser sonderbaren Nummerierung speist der Hotelportier die beiden mit einer Erklärung über eine versehentliche Doppelung der Nummern und einen daraus resultierenden PR-Coup ab. Doch Scarlett Leonas stößt schnell auf die Zeitungsmeldungen zu einem Mord in Zimmer 622, jetzt 621a, und damit nehmen sowohl der Roman als auch die Ermittlungen der beiden ihren Lauf.

Fünf Banker suchen einen Präsidenten

Nun lernen die Leser*innen des Romans auch die Hauptakteur*innen dieses neuen Handlungstranges kennen. Es handelt sich zum einen um Macaire Ebezner, dessen Vater Präsident der gleichnamigen einflussreichen Schweizer Bank war und seine Frau Anastasia, eine intelligente, blonde Schönheit. Dann wäre da noch Lew Lewowitsch, der aus einfachen Verhältnissen stammt und überaus gebildet und gutaussehend ist. Die drei verbliebenen Mitglieder das Bankrates, die über den zukünftigen Präsidenten entscheiden, sind Sinior Tarnogol, der nach einem zwielichtigen Tausch mit Macaire an dessen statt Vizepräsident der Bank ist, sowie Jean-Bénédict und Horace Hansen, Cousin und Onkel von Macaire. Auch Arma, die Hausangestellte von Macaire und Anastasia Ebezner und einige weitere Personen werden nach und nach eingeführt.

Nach dem Tod von Macaires Vater geht es all diesen Personen auf die ein oder andere Weise nun um die Nachfolge als Präsident des großen Bankhauses. Um diese ringen besonders Macaire Ebezner und Lew Lewowitsch. Der eine hätte sie gerne, der andere soll sie scheinbar erhalten.

Dabei kann der oder die Leser*in durchaus Mitleid mit Macaire bekommen, der zwar stehts freundlich, liebenswert und ein wenig naiv, aber Lew Lewowitsch deutlich unterlegen ist. Dieser ist zudem Anastasia Ebezners große Liebe, was auf Gegenseitigkeit beruht. Und so setzt der reiche, intelligente, einnehmende und stets erfolgreiche Lew Lewowitsch dem gutmütigen Macaire auch noch Hörner auf.

Macaire hingegen versucht mit immer heftiger, sein Ziel der Präsidentschaft zu erreichen und entwickelt im Laufe der Zeit eine gewisse Reife und Weitsicht. Diesen Eindruck erweckt er zumindest, wenn er mit Joël Dicker und Scarlett Leonas spricht, als diese ihn im Laufe ihrer Ermittlungen aufsuchen.

Eine vielschichtige Erzählung

Dadurch, dass der Roman neben den Ermittlungen von Dicker und Leonas und der Präsidentschaftswahl noch einige weitere Handlungsebenen hat, erfahren die Leser*innen viel über die verschiedenen Personen, ihre Entwicklungen und auch einiges über die Beweggründe für ihr Handeln. Dadurch erscheint keine der Personen flach, alle zeigen sich im Laufe des Romans von verschiedenen Seiten, die sie umso plastischer werden lassen. Um die unterschiedlichen Personen auf diese Art zu zeigen, gibt es noch einige weitere Zeitebene, die in dem Roman immer wieder vorkommen. Durch eine klare Trennung der einzelnen Abschnitte fällt es aber dennoch leicht, den Überblick über das Geschehen zu behalten.

Auch die Rahmenhandlung um Scarlett Leonas und Joël Dicker ist in sich vielschichtig. Dann sie behandelt nicht nur die Suche nach dem Mörder oder der Mörderin, sondern ist auch ein wenig eine Einführung in das Schreiben von Romanen und besonders eine Hommage an Dickers verstorbenen Verleger Bernard de Fallois. Von diesem erzählt der Autor Scarlett Leonas und den Leser*innen immer wieder.

Joël Dicker führt die Leser*innen mit einer klaren Sprache durch die Zeiten, die Schweiz und die Ermittlungen und schafft es dabei, die verschiedene Abschnitte elegant miteinander zu verknüpfen und den Leser*innen durch die eine oder andere Formulierung ein Lächeln zu entlocken. Es ist vielleicht auch kein Zufall, dass der Name des Bankhauses „Ebezner“, fast so klingt wie Ebenezer (Scrooge), der berühmte Geizhals aus Charles Dickens Weihnachtsgeschichte.

Fazit

„Das Geheimnis von Zimmer 622“ ist ein vielschichtiger, spannender und unterhaltsamer Roman. Joël Dicker nimmt seine Leser*innen mit auf eine Reise in die Schweiz und stellt ihnen viele verschiedene, reale wie fiktive, Charaktere vor. Gleichzeitig gewährt er einen kleinen Einblick in sein Handwerk, das Schreiben. Eigentlich will man das Buch während des Lesens nicht für längere Zeit aus der Hand legen, wenn man es aber doch muss, so findet sich der oder die Leser*in schnell wieder in der Handlung zurecht. Hintergrundwissen über die Finanzwelt brauchen die Leser*innen dabei aber nicht unbedingt. Der Roman eignet sich sehr gut für einen kriminalistischen Ausflug in die Welt der Schweizer Banken und der schicken Hotels.

AutorJoël Dicker
VerlagPiper
Preis25,00 Euro
Seitenzahl624 Seiten