Veganismus – nicht nur ein vorübergehender Trend

Besonders in Afrika und Asien ist die vegane Ernährung verbreitet. Vorreiter ist Indien mit einem Anteil von 19 Prozent Veganer*innen an der Gesamtbevölkerung (Foto: Pexels)

Weltweit gibt es immer mehr Veganer*innen. Schätzungen zufolge leben derzeit mehr als 79 Millionen Menschen vegan. Doch weshalb entscheiden sich immer mehr Menschen für einen pflanzenbasierten Lebensstil? Welche Varianten lassen sich unterscheiden und vor allem: Welche sind die vegan-freundlichsten Länder 2021? Eine Zwischenbilanz.

Die Anmeldungen für die britische Veganuary-Kampagne, bei der Menschen den gesamten Januar über vegan essen, erreichten in diesem Jahr Rekordhöhen. 2021 nahmen über 580.000 Personen aus 209 Ländern und Gebieten teil. Im Vergleich dazu waren es im vergangenen Jahr rund 400.000 Teilnehmer*innen, 2019 (laut der englischen Wochenzeitung „The Economist“ fernerhin „The Year of the Vegan“) 250.000 und 2014, dem Anfangsjahr der Kampagne, knappe 3.300. Anlässlich des diesjährigen Veganuary‘s kamen mehr als 825 neue vegane Produkte auf den Markt und über 98 Prozent der Teilnehmer*innen würden den Veganuary Freunden weiterempfehlen, heißt es im Kampagnenbericht. Auch mit dem Beginn der Fastenzeit am 17. Februar räumen viele Menschen der veganen Ernährung eine Chance ein – ein Indiz für die wachsende Bedeutung und Popularität, die die vegane Szene in den vergangenen Jahren erlangt hat.

Bis heute bilden Veganer*innen die Minderheit einer weiteren, übergeordneten Minorität, den Vegetarier*innen. Vegetarismus meint eine Ernährungsform, bei der – gemeinhin aus ethischen Gründen, in einigen Fällen auch für den Schutz der Umwelt oder die persönliche Gesundheit – auf den Verzehr von toten Tieren, das heißt Fleisch, Fisch sowie häufig auch Nebenprodukte wie Gelatine und tierisches Lab verzichtet wird. Eine weitere Form der fleischlosen Ernährung ist der Veganismus.

Definitionsversuch: Veganismus

Der Begriff „vegan“ wurde 1944 von Donald Watson, einem britischen Tierrechtsaktivisten und Mitbegründer der Vegan Society, geprägt. Ursprünglich diente der Ausdruck der Bezeichnung von „non-dairy vegetarians“, also Vegetarier*innen, die keine Milchprodukte konsumieren. 1951 hat die Vegan Society die Definition jedoch aktualisiert:

„Veganism is a philosophy and way of living which seeks to exclude—as far as is possible and practicable—all forms of exploitation of, and cruelty to, animals for food, clothing or any other purpose (…)“

Vegan Society

Dementsprechend wird mit dem Begriff Veganismus eine Weltanschauung und Lebensweise zum Ausdruck gebracht, bei der versucht wird, jedwede Formen der Grausamkeit und Ausbeutung von Tieren für alle dem Menschen dienlichen Zwecke, zum Beispiel Lebensmittel und Kleidung, auszuschließen. In Bezug auf die Ernährung bedeutet Veganismus auf alle Produkte zu verzichten, die ganz oder teilweise von Tieren stammen. Im weiteren Sinne wird so die Entwicklung und Nutzung tierfreier Alternativen zum Vorteil von Tieren, Menschen und der Umwelt gefördert.

Noch einen Schritt weiter gehen Frutarier*innen. Sie setzen wie Veganer*innen auf eine pflanzenbasierte Ernährung, verfolgen jedoch zusätzlich die Absicht, auch den Pflanzen, von denen ihre Nahrung stammt, keinen Schaden zuzufügen. Sie verzehren deshalb ausschließlich pflanzliche Produkte, bei deren Gewinnung die Pflanze nicht geschädigt wird. Das sind vor allem Fallobst, Nüsse und Samen.

# plantbased Für die Tiere, die Umwelt, die Gesundheit und die Menschen

Grundsätzlich gibt es verschiedene Arten, einen #plantbasedlifestyle umzusetzen. Zunächst unterscheiden sich „vegans by diet“ und „vegans by lifestyle“. Letztere bilden die Mehrheit und verfolgen das Ziel, nicht nur ihre Ernährung, sondern sämtliche Lebensbereiche frei von tierischen Bestandteilen zu gestalten: Kleidung, Kosmetik- und Haushaltsartikel, Möbel und vieles mehr.

Bezogen auf die Ernährung gibt es neben Frutarier*innen außerdem vegane Rohköstler*innen, die ihre Lebensmittel auf maximal 40 Grad erhitzen, um Vitamine und Nährstoffe weitestgehend zu erhalten. Demgegenüber ernähren sich sogenannte „Pudding-Veganer*innen“ (auch: „Junkfood-Veganer*innen“), für die (tier-) ethische Aspekte und/oder Umweltschutz im Vordergrund stehen, überwiegend von stark verarbeiteten Industrieprodukten, beispielsweise veganem Fastfood und Süßigkeiten.

Die Beweggründe für eine pflanzenbasierte Lebensweise sind vielfältig und individuell verschieden. Die meisten lassen sich jedoch auf vier Triebfedern zurückführen: Tierschutz, Umweltschutz, die eigene Gesundheit und die Bekämpfung des Welthungers. Laut der Tierrechtsorganisation PETA Deutschland würden durch eine vegane Lebensweise nachweislich weniger Ressourcen wie Landflächen oder Wasser verbraucht als bei der Herstellung tierischer Produkte. „Mit dem Konsum von Fleisch und tierischen Produkten halten wir das Ungleichgewicht zwischen Wohlstands- und Entwicklungsländern aufrecht, und das hat zur Folge, dass die Essgewohnheiten der Reichen den Tod der Armen bedeuten.“, schreibt die Organisation auf ihrer Website. Durch einen pflanzenbasierten Lebensstil trage der Mensch aktiv zum Kampf gegen den Welthunger bei.

Veganismus ist ein zunehmend beliebter werdendes, aber noch wenig erforschtes Phänomen. Umfragen im Zusammenhang mit Veganismus beschränken sich oft auf kleine Stichproben, beliebige Altersgruppen und Nationen. Hinzu kommt, dass Menschen Veganismus unterschiedlich definieren – etwa abhängig von ihrem kulturellen Hintergrund oder abweichenden Zielvorstellungen. Schätzungen belaufen sich jedoch auf einen Anteil von ein bis drei Prozent Veganer*innen an der Gesamtbevölkerung. Ausgehend von einer Bevölkerung von 7,9 Milliarden Menschen im Jahr 2021 (wie sie die jüngsten Schätzungen der Vereinten Nationen nahelegt), wovon ein Prozent als vegan gelten sollen, gelangt man so zu einer Gesamtzahl von mindestens 79 Millionen vegan lebenden Menschen in aller Welt.

Developed Nations

Unabhängig von den Schwierigkeiten in der statistischen Erhebung nimmt die Zahl der Veganer*innen auf der Welt erwiesenermaßen zu. Dies wird durch diverse Marktanalysen sowie die gewaltige Medienpräsenz der Thematik sichtbar. In erster Linie sind signifikante Pro-Veganismus-Bewegungen in westlichen Ländern, Ost-Europa und Australien zu beobachten. Schauen wir uns die Situation in einigen Ländern genauer an:

Großbritannien

Sowohl hinsichtlich des Interesses als auch in Bezug auf die Akzeptanz des Lebensstils hat das Vereinigte Königreich im Jahr 2019 das größte Wachstum verzeichnet, womit der europäische Inselstaat an der Spitze der globalen Veganismus-Bewegung steht. Die Zahl der Veganer*innen hat sich zwischen 2014 und 2019 vervierfacht; 2019 waren circa 600.000 Brit*innen vegan, was etwa 1,16 Prozent der damaligen Bevölkerungszahl entspricht. Entsprechenden Ergebnissen der Google-Trendforschung von Holland und Barrett zufolge sind Edinburgh und Bristol prominente Städte für Veganer*innen, gefolgt von Manchester und London.

USA

Veganer*innen in den USA machten 2019 rund zwei Prozent der dortigen Bevölkerung aus. Darüber hinaus wurde der Umsatz mit pflanzlichen Lebensmitteln auf circa 4,5 Milliarden US-Dollar geschätzt, was einer Steigerung von über 30 Prozent gegenüber 2017 entspricht. Laut Google-Trends haben im Jahr 2018 ebenso viele Amerikaner*innen nach veganen Thanksgiving-Rezepten gesucht wie jene, die nach Rezepten mit Truthahnfleisch Ausschau hielten. Die Stadt Portland im Bundesstaat Oregon ist international als „vegane Hauptstadt der Welt“ bekannt.

Deutschland

Allein in Deutschland haben sich in diesem Jahr 50.000 Interessierte für die Veganuary-Kampagne angemeldet. Zudem leben laut aktuellen Studien hierzulande zwischen 1,13 und 2,6 Millionen Menschen vegan. Noch 2008 gaben bei der Nationalen Verzehrsstudie II weniger als 80.000 Menschen an, sich vegan zu ernähren. Deutschland dominiert den Markt, was vegetarische und vegane Produkteinführungen betrifft. Im ersten Quartal 2020 erhöhte sich die Menge der Fleischersatzprodukte von knapp 14.000 auf gut 20.000 Tonnen, also um 37 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Jede*r zehnte deutsche Verbraucher*in kauft Fleischalternativen, in der Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen ist es sogar jede*r fünfte.

Developing Nations

Doch sind es nicht nur europäische Länder und Staaten mit Englisch als Hauptsprache, die wegweisend sind. Veganismus gewinnt auch in Lateinamerika, Afrika und Asien zunehmend an Bedeutung. Daneben ist die pflanzliche Ernährung in Entwicklungs- und Schwellenländern häufig ohnehin die Norm – aufgrund religiöser Praktiken sowie der geringeren Produktionskosten, die für den Anbau veganer Lebensmittel erforderlich sind.

Äthiopien

Das Land liegt am Horn von Afrika, wo Vegetarismus und Veganismus seit jeher weit verbreitet sind. Unter den äthiopisch-orthodoxen Christen, einer der wichtigsten Glaubensgemeinschaften des Landes, sind monatliche „Fastentage“, an denen tierische Produkte komplett vom Speiseplan gestrichen werden, eine lange bestehende Sitte. Zudem ist der Ackerbau mit Nutzpflanzen wie Mais, Hirse, Gemüse und Kichererbsen weitaus lukrativer als die Viehwirtschaft. Ein Großteil der äthiopischen Küche fußt daher auf pflanzlichen Lebensmitteln.

Thailand

Nahezu 94 Prozent der Thailänder*innen bekennen sich zum Buddhismus. Die buddhistische Tradition ist auch der Hauptgrund dafür, dass Thailand – wie die meisten Staaten Südostasiens – überaus vegan-freundlich ist. Zwar gibt es kein generelles Verbot, Fleisch zu essen, jedoch wird es im Allgemeinen gemieden, weil das Töten von Tieren zu einem schlechten Karma führen soll. Die vegetarische und oft auch vegane Ernährung ist folglich kein Einzelfall. Asiatische und thailändische Rezepte basieren auf Reis- und Sojaprodukten sowie reichlich Gemüse. Selbst diejenigen, die sich nicht nach den religiös motivierten Ernährungsregeln richten, werden dazu erzogen, eine pflanzliche Ernährung für normal und gesund zu befinden.

Die Länder mit dem höchsten Anteil an Vegetarier*innen und Veganer*innen liegen nicht etwa in Europa oder Amerika, sondern in Asien. Mit 19 Prozent der Bevölkerung identifizierte sich 2018 knapp ein Fünftel der indischen Bevölkerung als vegan, hauptsächlich aus religiösen Gründen. Nur 32 Prozent der Inder*innen konsumierten regelmäßig Fleisch, womit Indien über den Markt mit dem niedrigsten Fleischkonsum verfügt. In Israel meiden gut fünf Prozent der Bevölkerung vor allem aus ethischen Gründen sämtliche Produkte tierischen Ursprungs; ein weiteres Beispiel für kulturelle und religiöse Traditionen, die zeigen, dass Ernährung immer auch Brauch und Gewohnheit bedeutet.

Ausblick

Die 2016 veröffentlichte Studie PNAS ist die erste Analyse, bei der Forscher*innen der Oxford Martin School, einer Forschungs- und Politikeinheit der Universität Oxford, den Einfluss einer pflanzenbasierten Ernährung auf die individuelle Gesundheit, den Klimawandel und die globale Umwelt abschätzen. Um die Auswirkungen verschiedener Ernährungsweisen zu beurteilen, modellierten die Forscher*innen vier Ernährungsszenarien für das Jahr 2050.

Sie eruierten, dass wenn alle Menschen vegan würden, sie bis 2050 acht Millionen Menschenleben retten, die Treibhausgasemissionen um zwei Drittel reduzieren, erhebliche Einsparungen im Gesundheitswesen bewirken und Klimaschäden in einem finanziellen Umfang von 1,5 Billionen US-Dollar vermeiden könnten.

Heute gibt es weltweit mehr vegane Angebote als jemals zuvor. Zudem unterliegt die Datenlage ständiger Verbesserung und Menschen können sich zunehmend selbst Wissen aneignen. Veganismus in afrikanischen und asiatischen Ländern ist vorwiegend religiös und ethisch motiviert. In Europa und englischsprachigen Staaten sind die Motive für einen veganen Lebensstil vielfältig. In jedem Fall bieten zahllose Orte auf dieser Welt alle Voraussetzungen und gute Lebensbedingungen für ein aufregendes und von kulinarischen Genüssen erfülltes Veganer*innen-Dasein. Bis zum Ende der Fastenzeit am 3. April, aber auch darüber hinaus können sich Menschen weltweit von veganen Lebensmitteln und Gerichten inspirieren, womöglich sogar positiv von ihnen überraschen lassen.