Die Kunst des Aussitzens

Sämtliche Kunst- und Kultureinrichtungen bleiben weiterhin geschlossen. Die Bürgerschaft sitzt derzeit nicht versammelt in Konzertsälen, sondern jede*r Einzelne bei sich zuhause (Foto: Donald Tong/Pexels)

Der westliche Kulturbegriff beinhaltet die Zweiteilung von Kultur und Natur. Letztere ist weder vom Menschen geschaffen, noch kann sie in ihrer grundlegenden Existenz von ihm verändert werden. Im Begriff Kultur dagegen offenbart sich unsere schöpferische Gestaltungskraft. Wie aber können Menschen ihrem subjektiven Schaffensdrang und kollektivem Kulturbedürfnis in Lockdown-Zeiten Rechnung tragen?

Ungeduldiges Drängen und Schieben an den Ticketschaltern, Popcorn-Attacken durch Besucher*innen in den hinteren Sitzreihen, Clinch mit übellaunigen Mitbesucher*innen, die auf unumschränkte Geräuschlosigkeit erpicht sind: Seit die Kulturbranche im Frühjahr 2020 weitestgehend ihren Betrieb eingestellt hat, sind diese Erlebnisse auch aus unserem Alltag ausgeschieden.

Kulturelle Erfahrungserlebnisse sind ein Grundbedürfnis des Menschen, der nach Höherem strebt als nach rein dinglichem Erleben. Seit jeher sehnt sich der bürgerliche Mensch nach Ereignissen und geteilten Gefühlen. Ruut Veenhoven sammelt seit über zwanzig Jahren an der niederländischen Erasmus-Universität Rotterdam die Ergebnisse weltweit durchgeführter Glücksstudien. Seine Dissertation „Conditions of Happiness“ wurde für die soziologische Glücksforschung wichtig. Im Allgemeinen hat er festgestellt, dass Aktivität und geistige Herausforderungen, Geselligkeit, stabile Beziehungen und intensive Freundschaften maßgeblich zum Glück des Menschen beitragen. Was der Mensch in seinem Leben daher unbedingt zu brauchen scheint, sind Gefährten, die mit ihm denken und fühlen können. Gerade die Kultur fördert dieses gemeinsame Erleben.

Kultur für zuhause?

Bereits Aristoteles forderte, Theateraufführungen – vor allem Tragödien – sollten beim Publikum Furcht und Mitleid erregen; Emotionen, denen eine Art moralische Reinigung, eine Katharsis, folge. Dementgegen zielte Bertold Brecht im 20. Jahrhundert mit seiner Theorie des epischen Theaters darauf ab, nicht allein die Gefühle der Zuschauenden, sondern insbesondere deren Intellekt anzusprechen. Keine Überredung wie im aristotelischen Drama mehr. Wirken durch kritisches Denken, lautete Brechts Devise. Dieser flüchtige Blick in die Literaturgeschichte soll zeigen: Kultur belebt Geist und Sinne. Sie gibt Lebensenergie, nährt die Seele, bildet und bringt den Lebenssinn vieler erst gänzlich zur Entfaltung. Damit hält Kultur nicht nur die Gesellschaft zusammen, sondern auch das Individuum.

Nun sitzen die Menschen statt im Zuschauerraum weithin zuhause auf der Couch. Netflix, Amazon Prime und YouTube prägen den Alltag der meisten stärker als je zuvor. Für ein wenig Abwechslung sorgen Bücher, Spotify und digitale Kulturangebote wie etwa virtuelle Ausstellungen und Konzerte. „#Culturedoesntstop. Genau das zeigt die Kulturszene Hamburgs gerade eindeutig und das ist großartig! Kunst bleibt erfahrbar. Für alle. Überall“, sagt der Hamburger Senator der Behörde für Kultur und Medien, Carsten Brosda. „Kultur für zuhause“ sozusagen.

Es stimmt wohl, dass die hiesigen Kulturgepflogenheiten in veränderter Form auch in den eigenen vier Wänden erfahrbar sind. Kultur kann überall konsumiert und produziert werden, weil sie dem Menschen zu eigen ist. Dies wiederum müsste bedeuten, dass selbst ein bösartiges Coronavirus den Menschen nicht in seiner Schaffenskraft einschränken kann. Nur sind Kultur innerhalb und Kultur außerhalb der eigenen vier Wände doch nicht dasselbe. Ohne die Gegenwart anderer Menschen und das Wandeln im sozialen Gefüge fehlt es auf Dauer einfach an Antrieb und Inspiration.

Kultureller Ausnahmezustand 

Kulturschaffende beklagen – zurecht – ein weitaus größeres Leid als diejenigen, die sich zuhause mit einem digitalen Erfahrungsangebot begnügen, denn Ersteren wurde die Lebensgrundlage entzogen. Als wiege ihre finanzielle Bedrohung dabei nicht schwer genug, wird über Monate hinweg das Wesentlichste ihrer Persönlichkeit gedrosselt: der Ausdruck flammender Leidenschaft.

„Da viele Kultureinrichtungen teilweise schon seit zehn Monaten geschlossen sind, nur wenige in der Sommerzeit unter strengen Hygienekonzepten und sehr geringer Besucherzahl wieder öffnen durften und sich viele seit November wieder im harten Lockdown befinden, ist die Not im Kulturbereich sehr groß. Bald befinden wir uns ein ganzes Jahr im kulturellen Ausnahmezustand“, äußerte sich Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Die derzeitigen Einschränkungen weisen Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft, öffentliche Kultureinrichtungen und soloselbständige Künstler*innen seit langer Zeit heftig in die Schranken. Dabei trage der Kulturbereich stärker als andere Bereiche der Gesellschaft die notwendigen Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, so Zimmermann.

„Man muss auch tun“

Das soll einmal der allseits bekannte Dichter und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe zu bedenken gegeben haben, als er sagte: „Es ist nicht genug zu wissen – man muss auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen – man muss auch tun“. Gilt dieser Rat auch für die heutige Zeit? Was ist, wenn der Mensch anwenden und tun will, aber – bedingt durch äußere Einschränkungen – nicht darf oder kann?

Sechzig Jahre Schaffenszeit hat Goethes berühmter „Faust“ in Anspruch genommen. Nie hat irgendein anderer Dichter der Weltliteratur länger an ein und demselben Werk gefeilt. Ohne Zweifel wird dies eine aufreibende Zeit gewesen sein, in denen der Dichter sämtliche Facetten der menschenmöglichen Gefühlspalette kennengelernt haben dürfte. Gewiss wird es Phasen der Sinnlichkeit und geistigen Versenkung gegeben haben. Sicher ist aber auch, dass jeder Dichter, Denker und Künstler Phasen der Frustration und des Trübsinns – vollkommen ohne schöpferische Einfälle – durchqueren muss. Auch der geniale Herr Goethe war zeitweise in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt, etwa als er an Lungentuberkulose erkrankt war und einen langwierigen Heilungsprozess durchlief. Doch er machte das Beste daraus, etwa indem er Texte las, die ihm später bei seiner Arbeit am „Faust“ eine gute Hilfe sein sollten. Ereignisse – wie zurzeit Corona – beeinflussen die Kultur, indem bereits Bücher dazu geschrieben werden und auch die Kulturszene setzt sich in kulturellen Produkten mit der Pandemie auseinander.

Auch in der jetzigen Zeit kann der Mensch weiterhin Kultur rezipieren und schöpferisch wirksam werden, aber er kann nicht die Grenzen der Natur sprengen. Nur wer es schafft, in Krisenzeiten den Verstand zu bewahren, kann sein Tun im Anschluss fortsetzen. Ein Aspekt, den Goethe in seiner Handlungsempfehlung daher ausgeklammert zu haben scheint, den er aber heute sicherlich so unterstreichen würde, ist die Fähigkeit zu erkennen, wann es abzuwarten und die eigenen Sehnsüchte zu zügeln gilt.

In einer Zeit vorübergehender, aber langanhaltender Kontaktbeschränkungen sowie teilweise verhängten Ausgangssperren auszuharren, die Situation auszuhalten und die Sache einfach mal auszusitzen, ist eine Kunst, die der permanenten Übung bedarf. Geduld und Standhaftigkeit und Sesshaftigkeit sind Tugenden, die aktuell mehr denn je gefordert sind. Vielleicht werden sie schon bald so richtig zum Tragen kommen, wenn die Kunst- und Kultureinrichtungen wieder öffnen dürfen und wir unseren Sehnsüchten freien Lauf lassen können. Bis dahin gilt es abzuwarten. Nehmen wir uns ein Beispiel an Goethe, dann glücklicherweise kann die Kunst des Aussitzens besonders gut zuhause auf der Couch praktiziert und kultiviert werden.