Wenn die Uni prokrastiniert

Viel Stoff in unsicheren Zeiten: Viele Studierende sind durch die Organisation der Prüfungsphase verunsichert (Foto: energepic.com/Pexels)

Noch mehr Stress in der Klausurenphase: Zum Ende der Vorlesungszeit stehen an vielen Hochschulen die ersten Prüfungen an. Chaotisches Vorgehen der Uni bei der Planung wirft bei Studierenden viele Fragen auf. Wer nach Antworten sucht, hat es zum Teil schwer, fündig zu werden.

Die Ersti-Woche fiel aus, die Hörsäle blieben für die Studierenden geschlossen, Vorlesungen und Seminare fanden nur noch online statt. Prüfungen soll es dennoch geben. Anders und doch intensiver als vor der Corona-Pandemie, so fühlt es sich für viele Studierende an. Viele Studierende beklagten sich, dass sie die Inhalte schwerer und langsamer verstehen. Einfach zum Nachbarn umdrehen und fragen, wenn etwas unklar ist, geht nicht. Dieses online erlernte Wissen wird nun in den Klausuren überprüft. Natürlich auch der Zeit entsprechend unter Corona-Bedingungen, nur wie?

Die Uni schiebt auf

Eigentlich hatten die Universitäten seit Oktober Zeit, einen Plan für die Klausurenphase zu entwickeln. Das ist bis heute nicht geschehen.

Einige Wochen vor den ersten Prüfungen ist in vielen Fächern immer noch unklar, wie die Prüfungsleistungen erbracht werden sollen. Diese Ungewissheit bedeutet zusätzlichen Stress, zusätzliche Unsicherheit für jede*n Studierende*n. Besonders schwer ist es für Erstsemester, für die es die erste Klausurenphase ist.

Die Wissensvermittlung ist deutlich komplizierter als in einem „normalem“ Semester: Keine Bibliothek, kaum Austausch über das Thema mit Kommilitonen*innen, bis zu sechs Stunden am Tag vor dem Bildschirm sitzen. Effektives Lernen, sodass man den komplexen Stoff wirklich verinnerlicht, sieht anders aus.

Die Verwirrung ist groß

Alternativen zu den üblichen Präsenz-Klausuren gibt es einige. Das ist Teil des Problems. Die Klausur kann verschoben, durch eine andere Leistung ersetzt oder zu Hause geschrieben werden – oder ganz ausfallen. Das Präsidium der Universität hat zwar Empfehlungen abgegeben, über die konkrete Umsetzung entscheidet aber jeder Fachbereich für sich.

Der Fachbereich Psychologie beispielsweise schreibt auf seiner Website, Studierende sollten ruhig mit dem Lernen anfangen, ohne ein konkretes Datum zu nennen. Vorbildlicher ist dagegen der Studiengang Physik, der neue Termine und Änderungen der Klausuren auf seiner Website für alle offenlegt. Wenn man allerdings Student*in der Geisteswissenschaften ist, hat man es deutlich schwerer. Auf den Webseiten findet man gar keine Informationen.

Einige Dozenten haben aber schon sogenannte Home-Klausuren angekündigt. Diese würden aber selbstverständlich deutlich anspruchsvoller sein als unter normalen Bedingungen, da man seine Unterlagen nutzen könne und mehr Zeit hätte. Nachsicht sieht anders aus. Dass auswendig gelerntes Wissen nicht abgefragt werden kann wie bisher, ist verständlich. Transfer-Aufgaben schwerer zu machen, zeigt aber das Unverständnis gegenüber den Studierenden.

Studierenden-Style


Dass Studierende alles, was mit der Uni zu tun hat, gern aufschieben, vergessen, hinauszögern und in der letzten Minute doch noch eine mehr oder weniger solide Leistung abliefern, ist ein weitverbreitetes Klischee. Wenn allerdings die Universität selbst in dieses Verhaltensmuster verfällt, wird es schwierig. Es geht schließlich um die Zukunft von mehreren Tausend Menschen, bei vielen steht womöglich sogar der Abschluss auf dem Spiel.

Es scheint, als wären die Hochschulen überrascht von der aktuellen Situation. Sie wirken unvorbereitet und hilflos. Natürlich war die Versuchung groß, im Sommer 2020 zu hoffen, dass die Klausuren im Februar 2021 wie gewohnt stattfinden können, war und ist utopisch. Darauf zu setzten, ohne einen Alternativplan zu haben, war riskant. Ein Konzept für eine Klausurenphase im Lockdown hätte erarbeitet werden müssen. Jetzt lastet diese mangelhafte Organisation auf den Schultern der ebenfalls überforderten Studierenden. Die Hoffnung ist groß, dass das nächste Semester besser läuft. Ob die Hochschulen aus ihren Fehlern lernen?