Augen auf, ihr Pragmatiker!

Im Jahr 2020 konnten Schätzungen zufolge allein durch den „Veganuary“ 1,25 Millionen Tierleben gerettet werden. Bist du dieses Jahr dabei? (Foto: Ave Calvar Martinez/Pexels)

Gespräche über Veganismus sind gemeinhin verfänglich. „Jede*r handelt doch nur nach bestem Wissen und Gewissen“, sagt in solch heiklen Situationen eine Stimme in mir. Eine andere antwortet: „Dann erklär‘ es ihnen und sie werden es verstehen“. Die Realität aber zeigt mir: Du kannst niemanden ändern, der im eigenen Handeln kein Problem sieht.

Zu Beginn sei gesagt, dass Veganer*innen nicht verrückt sind. Sie haben weder ein Aufmerksamkeitsdefizit noch sind sie töricht oder gar überemotional. Sie sind nicht seltener oder häufiger mangelernährt als Omnivore, das heißt Allesfresser, und sie zerstören auch nicht durch Soja-Anbau den Regenwald. Sie haben nicht den Anspruch, die Welt zu retten und sie glauben in aller Regel erst recht nicht, dass sie bessere Menschen sind.

Zuweilen müssen sie aber die Stimmen in ihrem Herzen (oder wohl eher Kopf) zurate ziehen, wenn sie wieder einmal vor der Aufgabe stehen, gegenüber radikal streitlustigen und ignoranten Anti-Veganer*innen die Fassung zu wahren und ihnen durch entgegengebrachtes Mitgefühl wieder ein wenig Leben einzuhauen. Meine Erfahrung zeigt mir: Wer zu viel totes Leben in sich vereinigt, stumpft ab. Das ist einfache Kognitionspsychologie.

In was für einer irrwitzigen Welt leben wir, in der man nicht mal mehr ruhigen Gewissens eine Banane essen kann?

Astrid Speke

Woher ich das alles wissen will? Nun ja, wenn ich „sie“ schreibe, meine ich eigentlich „wir“, denn ich zähle zu diesen gut 1,1 Millionen Menschen in Deutschland, die einen rein pflanzlichen Lebensstil pflegen. Damit vertreten wir rund 1,3 Prozent der Bevölkerung, was zunächst unbedeutend wenig klingt, doch der Schein trügt. Die globale Zahl der vegan lebenden Menschen steigt kontinuierlich. Insgesamt sind wir viele, aber immer noch zu wenige.

Kurze Korrektur meiner Selbst: Ich bin vermutlich „nur“ zu 98 Prozent vegan. Auch wenn es beim Veganismus in keiner Weise um Perfektion geht, ist ein „rein“ pflanzlicher Lebensstil in dieser perfiden Welt praktisch nicht durchführbar. Dies sollte auch ich in den letzten zwei Jahren meines Veganerinnen-Daseins lernen. Gelatine aus Bindegewebe vom Schwein, tierisches Lab (ein Enzymgemisch aus Kälbermägen), die Aminosäure L-Cystein, die aus Schweineborsten oder Federn gewonnen und häufig in industrielle Backwaren „eingebacken“ wird: All das war mir, wie vermutlich den meisten, bereits bekannt.

Als ich jedoch erfuhr, dass nicht einmal konventionelle Bananen tierleidfrei zu genießen sind, da das verwendete Insektizid Chitosan aus zerstoßenen Garnelenpanzern besteht, ekelte es mir auf einem bis dahin ungekannten Niveau – nicht nur wegen der Garnelen, sondern vor allem wegen des absurden Ideenreichtums des westlichen Menschen. In was für einer irrwitzigen Welt leben wir, in der man nicht mal mehr ruhigen Gewissens eine Banane essen kann?

Nur nicht das Handtuch werfen

Neben mangelnder Transparenz und Aufklärung bleiben die größten Probleme das Wegschauen, das heftige Sich-Sträuben gegen die Realität, das Schönreden der Problemsituation, Verschleiern der Tatsachen und Wegschieben der Verantwortung. Diese Angewohnheiten werden den Verbraucher*innen zum Verhängnis, weil hier deutlich wird, dass sie doch nicht so verständig sind, wie so oft angenommen wird.

Im Alltag bin ich mir nicht immer sicher, ob der Mensch nun von Natur aus gut oder schlecht ist. Jedoch will und muss ich davon ausgehen, dass er gut ist. Sonst hätte ich im Kampf gegen die Tierausbeutung schon längst das Handtuch geworfen – was den Tieren auch nicht helfen würde. Also trockne ich mir mit dem Handtuch die Stirn und versuche anderen Menschen vorzuleben, wie leicht ein veganer Lebensstil sein kann. Mit ein bisschen Ernährungs-Know-how, das sich ohnehin jede*r aneignen sollte, um gesund zu bleiben, ist ein Leben, in dem man Tieren nicht vorsätzlich Schaden zufügt, nämlich ungeahnt schön und entspannt!

Die gute Nachricht: Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung

Mir scheint, die große Mehrheit hat Angst, sich durch eine vegane(re) Lebensweise massiv einschränken zu müssen. Folglich kneifen sie (sinnbildlich) die Augen zusammen in der naiven Hoffnung, dass die Probleme der Menschheit auf diese Weise verschwinden würden und ihr Verhalten schon irgendwie legitimiert werde. In Gesprächen mit omnivor, aber auch vegetarisch lebenden Personen fällt mir auf, dass sie die Dringlichkeit der Lage noch nicht ganz begriffen haben (ist ja auch schwierig, wenn die Augen krampfhaft geschlossen bleiben). Dabei wissen die meisten genau, dass Veganismus im 21. Jahrhundert eine schlichtweg pragmatische Entscheidung ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich glaube nicht an „richtige“ und „falsche“ Lebensweisen. Jedoch bin ich überzeugt von der Fähigkeit der Menschen – jedes Einzelnen -, Probleme zu erkennen und pragmatische Entscheidungen zu treffen.

Astrid Speke

Die gute Nachricht: Wie bei so vielem im Leben ist Erkenntnis der erste Schritt zur Besserung. Dies gilt für Krankheiten, entgleiste Lebenswege, verfehlte Maßnahmen der Politik, lästige Charakterzüge, aber eben auch eingefahrene Wahrnehmungs-, Denk und Verhaltensmuster. Nach dem Bewusst-Werden – dem Bewusst-Sein -, dass derzeit etwas schiefläuft und bei dem dringend Änderungsbedarf besteht, folgt dann häufig erst einmal eine Phase des Trotzes. Sich selbst Probleme einzugestehen, ist eine leidige Angelegenheit, dazu muss man nur Mensch sein. Ich kenne das auch. Es ist aber notwendig, um anschließend die gebotenen Maßnahmen ergreifen zu können.

Es braucht keinen Jahresbeginn, um Dinge zu verändern und Verbesserungen vorzunehmen. Dennoch sind Neujahrsvorsätze etwas Schönes und Sinnvolles, weil man sie gemeinsam mit anderen umsetzen kann. Seit 2014 verzeichnet die Kampagne „Veganuary“ denkbar große Erfolge. Auch in diesem Jahr entscheiden sich wieder viele Menschen dazu, die 31 Tage im Januar vegan zu leben. Wenn du also noch nicht vegan bist, ist dies deine Chance, es einfach mal auszuprobieren.

(K)Eine Frage der Wahrnehmung

Über Wahrnehmung lässt sich bekanntlich streiten. Wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, wird maßgeblich durch den Kontext bestimmt, in dem wir aufgewachsen sind und leben. Wahrnehmung ist etwas höchst Individuelles und ich möchte keinen Anspruch darauf erheben, mit meinen Ansichten über die Welt „richtig“ zu liegen. Ich glaube nicht an „richtige“ und „falsche“ Lebensweisen. Jedoch bin ich überzeugt von der Fähigkeit der Menschen – jedes Einzelnen -, Probleme zu erkennen und pragmatische Entscheidungen zu treffen.

Ich hoffe, dass alle Lebewesen auf diesem Planeten eines Tages in Frieden miteinander leben werden können. Durch Veganismus wird unsere Welt nicht gerettet werden, das ist klar. Doch legen uns sowohl die Ergebnisse der Naturwissenschaften als auch unser ethischer Grundverstand eine vegane Lebensweise nahe – dem Planeten, den Tieren, unseren Mitmenschen und damit nicht zuletzt auch uns selbst zuliebe. Die Probleme sind da. Nun heißt es – Augen auf, ihr Pragmatiker!