gefragt: Wenn der Zwang zum Aufstehen fehlt

Das zweite Corona-Semester in Folge ist herausfordernd. Kein Wunder, dass da einigen die Decke auf den Kopf fällt (Foto: Pexels)

Mit der dunklen Jahreszeit und dem bedrohlichen Infektionsgeschehen wachsen auch die Sorgen um den Nebenjob und die Angst vor weiteren Kontaktbeschränkungen. Annette Juchems-Brohl von der Psychologischen Beratung an der Universität Hamburg erzählt von ihrer Arbeit während der Corona-Pandemie und verrät, wie Ihr gut durch dieses Semester kommt.

KOPFZEILE: Frau Juchems-Brohl, vor gut einem Monat sind wir in ein neues Corona-Semester gestartet. Für viele Studierende war der Sommer bereits sehr herausfordernd. Wie hat sich das in den Sprechstunden der psychologischen Beratung gespiegelt?

Juchems-Brohl: Die Pandemie hat das Studium drastisch verändert und die Studierenden mussten innerhalb kürzester Zeit damit fertigwerden.  Das Online-Studium wird von vielen Ratsuchenden als anstrengender erlebt als die reguläre Vorlesungszeit, auch wenn sie technisch gut ausgestattet sind und sich mit dem Medium auskennen. Stundenlanges Verfolgen der Online-Vorlesungen macht müde, die persönliche Begegnung an der Universität fehlt. Verlust von Tagesstruktur, Motivationseinbrüche, Langeweile, aber auch Überforderung sind daher häufige Themen bei uns.

Isolation und Einsamkeit durch die Kontaktbeschränkungen werden ebenfalls häufig bei uns angesprochen. Mit der daraus entstehenden Traurigkeit und Frustration kommen viele nicht gut zurecht. Corona hat hier insbesondere die Situation derer verschlechtert, denen es schon vorher nicht gut ging.

Sind im Sommersemester mehr Studierende zu Ihnen gekommen als vor Corona?

Zu Beginn hat sich kaum etwas verändert. Vermutlich lag das daran, dass der gewohnte Weg in unsere Sprechstunde wegfiel. Normalerweise kommen die Studierenden persönlich zu uns in die Beratungsstelle. Wegen der Pandemie wurde das Campus-Center aber geschlossen und für viele ist das Telefon nicht das bevorzugte Medium, um über so persönliche Anliegen zu sprechen.

Aktuell ist die Nachfrage deutlich gestiegen. Unsere angebotenen Videosprechstunden haben sich gut etabliert. Sie ersetzten zwar nicht das persönliche Gespräch, werden aber von den Ratsuchenden gut angenommen. Es zeichnet sich ab, dass wir bis Jahresende deutlich mehr Beratungsgespräche geführt haben werden als im Vorjahr.

Das Virus hat also nicht nur das Leben der Studierenden umgekrempelt, sondern auch Ihre Arbeit. Worauf mussten Sie sich einstellen?

Zu Beginn der Pandemie mussten wir uns mit der Frage auseinandersetzen, wie wir unsere Beratungs-Themen online besprechen können. Dafür sind wir bei den Gruppenangeboten zunächst auf Chatformate umgestiegen. Für die Einzelberatung sind wir auf ein zertifiziertes Videoformat umgestiegen und die Offene Sprechstunde findet telefonisch statt.

Letzteres ist leider erheblich eingeschränkt: Früher konnte man mit seinen Problemen einfach in die offene Sprechstunde kommen, jetzt muss man uns anrufen. Dort sehe ich einen Qualitätsverlust, weil das Telefon die persönliche Begegnung einfach nicht ersetzen kann.

Trotzdem können wir die Studierenden in ihren aktuellen Problemlagen wirksam unterstützen. Das melden uns auch die Ratsuchenden zurück. Da viel Bedarf besteht, sind wir froh, unsere Beratungsarbeit mithilfe digitaler Formate fortsetzen können.

Meike Werkmeister studierte zunächst Journalistik, bevor sie ihr erstes Buch schrieb. Inzwischen hat sie zwei Romane veröffentlicht:

Sterne sieht man nur im Dunkeln. Goldmann Verlag, 2019

Über dem Meer tanzt das Licht. Goldmann Verlag, 2020

Ihr neuestes Werk, Der Wind singt unser Lied, erscheint am 19. April 2021.

Ihr Angebot richtet sich nicht nur an Studierende, sondern auch an die Lehrenden. Welche Probleme bringen sie in die Beratungsstelle?

Anfragen von Lehrenden beziehen sich meist auf Studierende, um die sie sich Sorgen machen, oder auf schwierige Situationen im Lehrbetrieb. Allerdings haben die Lehrenden derzeit weniger persönlichen Kontakt zu den Studierenden. Daher ermutigen wir unsere Ratsuchenden, auch ihrerseits den Kontakt zu suchen, wenn sie Schwierigkeiten im Studium haben.

Und trotzdem sind Sie aktuell wieder gut ausgelastet. Welche Ängste stehen denn jetzt wieder bei Ihnen auf der Tagesordnung?

Bei vielen Ratsuchenden macht sich Erschöpfung breit, weil der Zustand schon so lange anhält. Einige haben ein Semester hinter sich, das nicht gut gelaufen ist. Sie treibt jetzt die Sorge um, ob sie das wieder in den Griff bekommen, andere fragen sich, was aus ihrem Nebenjob wird. Auch Krankheitsängste nehmen wieder zu. Viele Studierende machen sich mit dem ernster werdenden Infektionsgeschehen mehr Sorgen um ihre Angehörigen und um sich selbst.

Welche Tipps können Sie den Studierenden für dieses Wintersemester mitgeben?

Am wichtigsten ist es, den Alltag gut zu strukturieren und das auch einzuhalten. Dazu gehört eine realistische Planung, klare Prioritäten, die der Situation angepasst sind, und ein Wochenplan Solche Routinen können etwas Sicherheit geben im Umgang mit einer insgesamt unübersichtlichen Situation. Ein regelmäßiger Tagesablauf hilft, sich nicht zu sehr treiben zu lassen. Wir hatten Studierende in der Beratung, die nur noch in den Tag hineingelebt haben, weil der „Zwang“, aufzustehen, fehlt. Da haben wir konkret an Zielen gearbeitet und die einzelnen Tage gemeinsam geplant.

Mancher braucht unter diesen besonderen Umständen vielleicht mehr Zeit für das Studium, zum Beispiel um Vorlesungen noch einmal in Ruhe zu vertiefen. Diese Zeit sollte man sich auch zugestehen. Das gilt besonders für die Studierenden, die mit zusätzlichen psychischen oder sozialen Belastungen zu uns kommen.

Wie können wir den strukturierten Alltag abwechslungsreicher gestalten?

Bewegung ist ein wichtiger Ausgleich zum Sitzen am Computer. Wir raten dazu, sich eine sportliche Aktivität zu suchen, die einem Spaß macht, möglichst mit jemandem zusammen, damit man über den Sport auch soziale Kontakte pflegen kann. Auch regelmäßige Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen können helfen, die Tagesroutine aufzulockern. Dazu gibt es auch Angebote auf den Seiten der Krankenkassen. Wichtig ist, die Lehrveranstaltungen gut zu verteilen und eine gleichmäßige Auslastung in der Woche zu haben. Und sich regelmäßig zu belohnen, wenn man etwas geschafft hat.

Das hört sich leichter gesagt als getan an. Manche sind durch die Pandemie und das Online-Studium zu Workaholics geworden.

Das haben wir häufiger bei den Studierenden beobachtet, die alleine leben. WG-Bewohner tun sich leichter, weil sie noch ihre Mitbewohner haben. Manche Alleinlebende versuchen, die Einsamkeit mit einem übervollen Tagesplan zu kompensieren. Erfahrungsgemäß kann man so eine Taktung aber nicht lange durchhalten.

Eine gute Selbstfürsorge ist gerade in dieser besonderen Zeit sehr wichtig.  Wenn man sich zu viel vorgenommen hat und sich dadurch überfordert fühlt, sollte man hinterfragen, ob man einen Teil der Aufgaben nicht ins nächste Semester verschieben kann.

Wie löst man solche Probleme am besten?

Manchmal reicht es, mit Freunden, Kommilitonen oder der Familie offen darüber zu sprechen. Man erfährt, wie andere mit der Situation umgehen, und bekommt Anregungen für eigene Lösungen. Wenn das nicht ausreicht: Holen Sie sich rechtzeitig Rat, nicht nur bei uns, sondern auch im Studienbüro und im Kontakt zu Lehrenden und Kommilitonen. Oder beim Studierendenwerk, wenn es um finanzielle Fragen geht. Ich rate dazu, sich lieber frühzeitig zu melden, bevor man sich gar nicht mehr zu helfen weiß. Besonders für die Erstsemester gilt: Versuchen Sie, die Kontaktmöglichkeiten, die Sie haben, aktiv zu nutzen und sich zu vernetzen.

Mit welchen Erwartungen blicken Sie in die Zukunft? Wird die Nachfrage nach psychologischer Beratung in diesem Semester weiter zunehmen?

Grundsätzlich haben wir im Wintersemester immer mehr zu tun und auch jetzt beobachten wir, dass die Nachfrage wieder steigt. Daher kommt es in der Einzelberatung zu Wartezeiten. In der Offenen Sprechstunde, die wir montags ohne Anmeldung anbieten, können wir aber kurzfristig schon erste hilfreiche Schritte besprechen. Aktuell entwickeln wir auch ein neues Gruppenangebot, in dem es um das Studieren unter Corona Bedingungen geht, und wo wir Strategien zum Umgang mit der Situation vermitteln. Damit wollen wir noch im Dezember starten.