gefragt: Katharina Fegebank

Katharina Fegebank (Grüne) ist Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin von Hamburg. (Foto: Daniel Reinhardt/Senatskanzlei)

Katharina Fegebank (Grüne) befasst sich als Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin von Hamburg unter anderem mit der Lage an den Universitäten und Hochschulen. Im Interview mit KOPFZEILE spricht sie über das digitale Semester, finanzielle Unterstützung für Studierende und die Bedeutung von Präsenzlehre.

KOPFZEILE: Frau Fegebank, in den vergangen Wochen wurde immer wieder betont, dass Schulen geöffnet bleiben sollen. Es ist klar, dass Corona-Verordnungen immer eine gewisse Priorisierung einzelner Bereiche mit sich bringen. Aber wo befinden sich Hochschulen und Universitäten in der Priorisierung?

Fegebank: Handlungsleitend und oberste Priorität haben für uns der stete Blick auf das Infektionsgeschehen und der Gesundheitsschutz. Aber auch die Hochschulen, Universitäten und der gesamte Wissenschafts- und Forschungsstandort haben weiterhin allerhöchste Priorität. Deshalb sind wir sehr sorgfältig in enger Beratung mit allen unseren Hochschulen. Aber – und das ist auch anders als in anderen Bereichen, sind wir in großer Einmütigkeit mit den anderen Bundesländern vorgegangen und haben sowohl das digitale Sommersemester sehr einvernehmlich umgesetzt, als auch das Hybridsemester in diesem Winter. Wir haben eine ganz große Priorität auf die Frage gelegt, wann Präsenzunterricht möglich ist und wo aber weiter auf digitale Formate und Angebote zu setzen ist. Dabei ist der Satz „So viel Präsenz wie möglich, so viel digital wie nötig“ handlungsleitend für dieses Semester gewesen. Die Situation mit den Schulen ist dabei nur bedingt vergleichbar. Aufgrund unterschiedlicher Gegebenheiten vor Ort, wo Gruppen und Kohorten je nach Seminar oder Vorlesung eine sehr viel größere Durchmischung haben, hinkt der Vergleich mit den Schulen etwas: Man muss die Hochschulen und Universitäten für sich betrachten: betonen möchte ich dabei unsere Angebote für Studierende und Entlastungsmöglichkeiten für Lehrende. Unsere Devise ist, dass für niemanden in diesen komplizierten Zeiten ein Nachteil entstehen soll. Auch jetzt nicht, nachdem sich Bund und Länder nach den jüngsten Beschlüssen nun auf eine grundsätzlich digitale Lehre verständigt haben, mit Ausnahme insbesondere von Labortätigkeiten, Praktika, praktischen und künstlerischen Ausbildungsabschnitten und Prüfungen.

Im vergangenen Sommersemester, das auch weitgehend digital stattfand, konnten Studierende zumindest draußen im Park lernen. Das ist im Winter schwieriger, nicht mal die Cafés sind geöffnet. Wie soll jetzt eine Vierer- oder Fünfer-WG produktiv lernen können?

In den WGs ist es nicht das große Problem. Das ist ja im Grunde eine Hausgemeinschaft. Wir sehen natürlich eine Herausforderung in den Bereichen, wo das Lernumfeld und die Lernmöglichkeiten nicht gut und auch die Zugänge zu Bibliotheken nur eingeschränkt möglich sind. Dort sind gute Hygienekonzepte entwickelt worden. Bei den allermeisten Bibliotheken gibt es auch die Möglichkeit, diese eingeschränkt zu nutzen. Im Moment ist zum Beispiel die Stabi für den Publikumsverkehr zwar wieder weitgehend geöffnet. Es gelten aber immer noch Beschränkungen für die Nutzung. Die Umfrage der Universität Hamburg – die sich einigermaßen mit den Erfahrungen der anderen Hochschulen decken dürfte – besagt, dass die Mehrheit der Studierenden mit dieser Art des Lernens ganz gut klar gekommen ist. Ich teile, dass eine Hochschule oder eine Universität Präsenz, Begegnung und Austausch braucht – nicht nur mit Blick auf die Fachlichkeit, sondern auch in Bezug auf die persönliche Komponente. Unser oberstes Ziel ist aber, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Das Infektionsgeschehen ist weiterhin sehr dynamisch und wir dürfen unser Gesundheitssystem nicht überlasten. Wir sehen jetzt schon in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, dass das Personal unter der Last ächzt und aus dem Ausland erreichen uns teilweise Horror-Bilder. In diese Situation dürfen wir nicht reinkommen. Da muss jeder Bereich – und jeder und jede einzelne -seinen und ihren Beitrag leisten. Außerdem gibt es Anlaufstellen und Beratungsangebote – gerade für diejenigen, die mit der Situation nicht gut klar kommen, sich einsam fühlen und eine psychische Belastung spüren.  Das ist ein Problemkomplex, den ich sehe und mit dem wir uns intensiv auseinandersetzen.

Gerade die Erst- und Zweitsemesterstudierenden hatten bisher noch keine Gelegenheit, sich mit dem Campus oder Angeboten der Uni auseinanderzusetzen, geschweige denn soziale Kontakte aufzubauen. Gibt es für die keine bessere Lösung?

Campusleben, Studieren und Alltag an einer Hochschule haben in der Tat viel mit eigenem Erleben zu tun: Deshalb setzen viele Hochschulen gerade mit Blick auf die Erstsemester darauf, dass sie Präsenzangebote schaffen. Wir haben einen sehr bunten und vielfältigen Hochschulstandort, wobei die meisten Einführungs- und Begrüßungsformate in Präsenz stattfinden. Viele Erstsemester-Einheiten haben als hybrid oder in Präsenz in kleinen Gruppen stattgefunden. Das sind dann individuelle Entscheidungen der Hochschulen, die aufgrund ihrer Lageanalyse auf digitale Lehre setzen, weil sie das aufgrund des besorgniserregenden Infektionsgeschehens nicht verantworten können. Nun gilt die angesprochene neue Verordnung: Zum Semesterbeginn haben wir aber durchaus bei den künstlerischen Hochschulen,  der medizinischen Fakultät der Universität Hamburg, der HAW als eine der größten Fachhochschulen oder der Technischen Universität, die auch Mentoring- und Buddy-Programme hat, gesehen, dass bei Studienanfängern auf Präsenz gesetzt wurde, um zumindest ein wenig Uni- und Hochschulfeeling zu ermöglichen. Klar ist aber auch: das Infektionsgeschehen bleibt weiter sehr dynamisch.   Gesundheitsschutz geht immer vor. Und die Rechtsgrundlage für jede Entscheidung der Hochschulen, was möglich ist und was nicht, ist aber immer die jeweils aktuelle Eindämmungsverordnung, die wir heute (27.11) abermals entsprechend den Beschlüssen anpassen. Und die sieht nun ein digitales Semester vor. 

Viele Studierende sind durch die Schließung der Gastronomie betroffen, weil sie ihre Nebenjobs verlieren und aufgrund geringfügiger Beschäftigung auch kein Kurzarbeitergeld erhalten. Sie haben den Hamburger Hilfsfonds für Studierende geschaffen. Welche Rückmeldungen erhalten Sie dazu?

Die Entscheidung des Bundesministeriums aus der vergangen Woche begrüßen wir ausdrücklich: Nun können Studierende, die infolge der Corona-Pandemie in besonders akuter Not und unmittelbar auf Hilfe angewiesen sind, erneut die Überbrückungshilfe des Bundes, in Form eines nicht rückzahlbaren Zuschusses, beantragen. Allerdings bedaure ich, dass diese Entscheidung aus Berlin erst so spät kam. Aus Hamburger Sicht ist zunächst – zu Beginn der Pandemie – von vielen begrüßt worden, dass wir als erstes Bundesland einen solchen Fonds auferlegt haben, weil wir schnelle und unbürokratische Hilfe ermöglichen wollten. Natürlich gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, ob ein Darlehen, welches in Höhe von 400 Euro zurück zu zahlen ist, vom Betrag her ausreichend ist und ob nicht ein nicht zurück zu zahlender Zuschuss richtiger wäre. Natürlich scheint ein Zuschuss vielen attraktiver. Wir müssen aber schauen, was wir mit unserem Landeshaushalt schultern können. Zudem haben wir von Anfang an für eine Öffnung des Bafögs plädiert, was bis heute nicht passiert ist. Als Land haben wir uns auch in der Verantwortung gesehen und konnten das in Form eines Darlehens leisten. Darüber hinaus gibt es auch Möglichkeiten der Mietstundung oder der Stundung von etwaiger Gebühren, was vielleicht eine kleine Linderung bietet. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Studierende in eine Notsituationen geraten sind, weil sie ihren Job verloren haben.

Sind Sie enttäuscht, dass der Bund bei den Themen Bafög und Überbrückungshilfen nicht einfacher und schneller handelt?

Wir haben mit Initiativen auf die Situation von Studierenden aufmerksam gemacht. Viele sind mit psychischer Belastung, Isolation und Vereinsamung belastet. Wenn dann noch finanzielle Not hinzukommt, ist das eine wirklich schwierige Lage. Da ist der Bund in einer Verantwortung, die er nur in Teilen wahrnimmt.

Um die 400-Euro-Darlehen zukünftig zurück zu zahlen, müssen sich viele Studierende zusätzliche Jobs suchen. Laut einer Studie des Indeed Hiring Lab, einer Gruppe von Arbeitsmarktexperten, ist Hamburg neben Frankfurt am Main die Stadt in Deutschland, wo mit 50 Prozent weniger inserierten Minijobs der dramatischste Wert vorliegt. Was sagen Sie den Studierenden?

Das ist in der Tat eine schwere Situation für viele Studierende gewesen. Auch hier verweise ich abermals auf die Verantwortung des Bundes. Gleichzeitig haben wir, neben dem Hilfsfonds, auch mit Blick auf die Erstsemester, den Betreuenden der Studierenden die Möglichkeit gegeben, sich mit interessanten Projekten an die Erstsemester zu wenden. Dafür haben wir 300.000 Euro zur Verfügung gestellt um studentische Projekte und Initiativen zu fördern. Ich gehe davon aus, dass schon bald bekannt wird, für welche Projekte der Studierenden genau eingesetzt wird. Die Situation ist schwierig. Trotzdem sind vereinte Kräfte gefragt – von uns allen.

Bei Laborarbeit, Lehramtspraktika und der Praxisausbildung von Medizinstudierenden gibt es meistens Präsenz, wodurch sich wiederum viele Geisteswissenschaftler ungerecht behandelt fühlen. Marc-Olivier Hinzelin, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Romanistik der Universität Hamburg, sagt: „Das ist eine Diskriminierung der Geisteswissenschaften. Für die Naturwissenschaften stehen die Labore zur Verfügung, bei uns ist ein direkter Austausch nicht erwünscht.“ Gibt es Wissenschaft erster und zweiter Klasse?

Natürlich gibt es das nicht. Das sind Verabredungen die wir mit den Hochschulen und in Absprache mit den Bund-Länder-Runden entwickelt haben. Da wurden Beispiele gegeben, wo zwingend Präsenz stattfinden muss. Gleiches gilt auch im Bereich der Kunst, der Musik und des Schauspiels, wo wir auch im letzten Semester viele Präsenz- und Begegnungsmomente geschaffen haben. Das ist etwas, was an den einzelnen Hochschulen im Rahmen ihrer Raumkapazitäten und jeweiligen Hygienekonzepte entschieden werden muss. Wir als Behörde sehen uns nicht in der Rolle, den Hochschulen Präsenzlehre anzuweisen. Wir setzen den Rahmen, in dem sich dann die Hochschulen bewegen. Ich sehe aber, dass es an vielen Stellen das Bedürfnis nach mehr Nähe und Präsenz gibt. Dort hilft es zunächst einmal, viel miteinander zu reden. Ich habe viele Gespräche geführt – was nicht heißt, dass am Ende ein Konsens entsteht Wir müssen alle Interessen miteinander abwägen und dann entscheiden. Und genau das ist die Aufgabe von Politik.