Der Letzte macht das Licht aus

Gähnende Leere in den Theatern (Foto: Tisseghem Tuur/Pexels)

Die Veranstaltungsbranche wurde von der Corona-Pandemie besonders stark getroffen. Viele Unternehmen kämpfen um ihr Überleben. Wie geht man damit um, wenn über Nacht die eigenen Arbeitsgrundlagen wegbrechen? Und wie kann Unterhaltung in Krisenzeiten funktionieren? 

Es ist der 22. Juni 2020. Ob am Hamburger Fernsehturm, der Bayerischen Staatsoper, dem Brandenburger Tor oder der Wuppertaler Schwebebahn – fast überall sind sie zu sehen: Rote Lichter illuminieren die Fassaden von mehr als 9.000 Veranstaltungsorten, Spielstätten und Bauwerken, verteilt über die ganze Bundesrepublik. Es ist der Hilferuf einer Branche, die sich im freien Fall befindet, unwissend, ob die in aller Eile aufgespannten Rettungsschirme einen harten Aufprall verhindern werden oder wenigstens abfedern können.

Anfang März verbot die Bundesregierung aufgrund der Corona-Pandemie vorerst sämtliche Großveranstaltungen. Der Veranstaltungsbranche, dem sechstgrößten Wirtschaftszweig der Bundesrepublik, brach damit über Nacht die Arbeitsgrundlage weg. „Die nächsten 100 Tage übersteht die Veranstaltungswirtschaft nicht“, heißt es in einer Pressemitteilung der Initiator*innen der sogenannten Night of Light.

Deutschlandweit beteiligten sich mehr als 7.700 Unternehmen und Einrichtungen der Veranstaltungsbranche an der Aktion, darunter auch die P.M. Blue GmbH. Die Hamburger Firma stellt seit 1980 Technik für Veranstaltungen bereit. Jedes Jahr betreuen die knapp einhundert Mitarbeiter*innen bis zu 2.000 Projekte, darunter Kongresse, Konzerte, aber auch renommierte Festivals wie das Elbjazz oder das Hurricane im niedersächsischen Scheeßel.

Einer der Angestellten der Firma ist Lasse van der Veen-Liese, ein 21-jähriger Veranstaltungstechniker. Seit vier Jahren arbeitet er bei P.M. Blue, hat dort zunächst seine Ausbildung gemacht und wurde anschließend übernommen. Der Job macht ihm Spaß: „Diese Vielfalt, die man erleben kann, macht diesen Beruf so spannend. Man lernt viele unterschiedliche, zum Teil sehr spezielle Menschen kennen, verbringt mit diesen Menschen aber immer eine wunderbare Zeit.“ Am meisten gefällt es Lasse jedoch, während eines Konzertes an der Bühnenseite zu stehen und die feiernde Menge zu beobachten. „Zu sehen, wie ich durch meine Arbeit andere Menschen glücklich machen kann, bewegt mich immer sehr.“

Absagen im Minutentakt

Dann kam die Corona-Pandemie und veränderte alles. Am 15. März verhängte die Stadt Hamburg ein allgemeines Versammlungsverbot und stürzte die Veranstaltungswirtschaft damit deutschlandweit in eine Krise unschätzbaren Ausmaßes. Von einem Tag auf den anderen verloren Veranstaltende, Musikschaffende und Technikdienstleistende nahezu sämtliche Aufträge und Einnahmen. So erging es auch Lasses Firma. „Im Minutentakt kamen neue Absagen rein“, berichtet er, „wenige Tage nachdem bekannt wurde, dass alle Veranstaltungen verboten werden, war unsere Liste mit Produktionen mehr oder weniger komplett rot. In dem Moment dachten wir alle nur: Was passiert hier eigentlich gerade?“  

Als die behördliche Anordnung in Kraft trat, war Lasse gerade auf Produktion. In der niedersächsischen Kreisstadt Uelzen betreuten er und seine Kolleg*innen die Technik für eine Ballettaufführung. Eine Woche sollte der Auftrag eigentlich dauern. Doch noch vor der ersten Aufführung war Schluss. „Es war überhaupt nicht greifbar, was da gerade los ist“, erinnert sich Lasse. „Wir waren schon mitten in den Proben und mussten auf einmal wieder zusammenpacken, weil die Veranstaltung abgesagt wurde und es nichts mehr zu tun gab. So etwas ist noch nie passiert.“ 

Die Geschäftsführung versuchte sich in Schadensbegrenzung, meldete die Firmenfahrzeuge ab, schickte einen Großteil ihrer Angestellten in Kurzarbeit. Um Reinigungskosten zu senken, wurden einzelne Büroräume abgesperrt, in den Fluren brannte nur noch die Notbeleuchtung. 

Lasse van der Veen-Liese (21) - „Wir dachten alle nur: Was passiert hier eigentlich gerade?“ Foto: L. van der Veen-Liese
Lasse van der Veen-Liese (21) – „Wir dachten alle nur: Was passiert hier eigentlich gerade?“ (Foto: L. van der Veen-Liese)

Am 9. April luden die Firmenchefs zu einer internen Gesprächsrunde ein, in der die Angestellten offen über ihre Gefühle und Gedanken sprechen konnten. Die Stimmung sei zunächst komisch gewesen, die Geschäftsführung angespannt.  Aber „in Momenten, in denen man merkt, dass die Grundsätze der eigenen Arbeit gerade in sich zerfallen, ist Reden und Kommunikation sehr wichtig, damit man positiv in die Zukunft blicken kann“, stellt Lasse fest. Die Gesprächsrunde habe geholfen, nicht in Selbstmitleid und Depressionen zu versinken. 

Unterhaltung in Krisenzeiten

Wie auch alle seine Kolleg*innen, ist Lasse seit Anfang März in Kurzarbeit, arbeitet offiziell nur noch sechs Stunden pro Woche, doch: „In Zeiten, in denen man nichts zu tun hat, sucht man nach Selbstbeschäftigung.“ 

Diese Selbstbeschäftigung fanden er und seine Kolleg*innen in dem Projekt „Quaratunes“, das sie Ende März in Zusammenarbeit mit der Karsten-Jahnke-Konzertdirektion und dem RockCity Hamburg e.V. ins Leben riefen. In kostenlosen, aber hochwertig produzierten Musik-Livestreams taten sie das, was sie am besten können: Konzertatmosphäre erzeugen. Nur eben dieses Mal nicht vor Live-Publikum, sondern vor Kameras, die das Geschehen in die heimischen Wohnzimmer übertrugen.

Den Anfang machte die weltweit erfolgreiche Band Scooter – und die übertraf mit ihrem Auftritt direkt alle Erwartungen. Zusammengerechnet mehr als zwei Millionen Menschen schalteten live ein, die Aufzeichnung des Konzertes wurde auf YouTube zudem bereits knapp 1,5 Millionen Mal geklickt. Für Lasse war es ein Anlass zur Freude. „Der Scooter-Livestream war ein aufregendes Projekt – ein neues Format, in kürzester Zeit geplant, aber letztendlich ein voller Erfolg. Wir waren alle ein bisschen sprachlos.“

Die nachfolgenden Konzerte kleinerer Hamburger Musiker*innen konnten an diese Einschaltquoten zwar nicht mehr anknüpfen, trotzdem zeigt sich der Veranstaltungstechniker zufrieden: „Wir arbeiten an den Livestreams mehr oder weniger ehrenamtlich und gehaltsfrei. Wir machen das, weil es uns Spaß macht und wir den Menschen in dieser schwierigen Zeit Unterhaltung in guter Qualität anbieten möchten. Auch wenn das Projekt am Anfang erfolgreicher war als jetzt, ist uns das gelungen!“ 

Die anfänglichen Pläne, für die Streams ein virtuelles ‚Eintrittsgeld‘ von einem Euro zu verlangen, verwarfen die Veranstaltenden rasch wieder. „Gerade in Zeiten, in denen viele Menschen selbst unverschuldet in finanzielle Engpässe geraten sind, fanden wir es wichtig, niedrigschwelligen Zugang zu Kunst und Unterhaltung zu bieten.“ Stattdessen bitten die Veranstalter während der Übertragung um Spenden.

Insgesamt kamen so durch das Projekt bisher knapp 25.000€ zusammen. Die Hälfte der Einnahmen behält P.M. Blue, mit der anderen Hälfte wird der gemeinnützige Verein RockCity-Hamburg, der Hamburger Musiker*innen, finanziell und materiell unterstützt. „Angesichts der großen Zahl an Livestreams sind 25.000€ zwar nicht wahnsinnig viel, aber auch nicht wenig. Das Geld können wir in jedem Fall gut gebrauchen, um laufende Kosten zu decken“, stellt Lasse nüchtern fest. 

Veranstaltungswirtschaft droht Insolvenzwelle

Das können sie in der Tat gut gebrauchen, denn die Veranstaltungswirtschaft befindet sich an einem Scheideweg. Käme von Seiten des Bundes keine schnelle und zielgerichtete Hilfe, so die eindringliche Warnung der Organisator*innen der eingangs erwähnten Night of Light, drohe eine massive Insolvenzwelle. Mehr als 50 Prozent aller in der Veranstaltungswirtschaft tätigen Betriebe stünden vor dem Aus, hieß es in einer Pressemitteilung im Vorfeld der Aktion.  

Zwar hat die Bundesregierung Anfang Juli angekündigt, im Rahmen des Konjunkturprogrammes NEUSTART KULTUR das kulturelle Leben mit rund einer Milliarde Euro wieder ankurbeln zu wollen, die Organisator*innen der Night of Light kritisieren jedoch das Vorgehen des Staates. Die Hilfen kämen zu spät und seien nicht ausreichend.

Lasses Firma hat dennoch staatliche Hilfszahlungen beantragt. Mitte Juli erhielten P.M. Blue eine nicht rückzahlbare Soforthilfe in Höhe von 35.000€. Zwei Wochen kämen sie damit vielleicht über die Runden, schätzt Lasse, „viel länger aber auch nicht.“ Zusätzlich habe die Firma ein Darlehen erhalten, mit dem die Liquidität langfristig sichergestellt werden solle. Dieses müsse aber im Gegensatz zur Soforthilfe zurückgezahlt werden und würde die finanzielle Krise des Unternehmens damit weit über das Ende der Corona-Pandemie hinaus verlängern. 

Kampf ums Überleben

„Darlehen und Kreditprogramme verschärfen die Notlage der Veranstaltungswirtschaft langfristig, statt sie zu entspannen“, kritisiert Tom Koperek, Initiator der Night of Light. 

„Diese Kredite können nicht wertschöpfend investiert werden, sondern müssen zur Deckung von Betriebskosten aufgewendet werden. Dies führt nach dem Verbrauch der Kredite zu einer erneuten Zahlungsunfähigkeit in Verbindung mit einer Überschuldung der betroffenen Unternehmen.“ 

„Für viele Unternehmen werden die nächsten Wochen ein Kampf ums Überleben“, befürchtet auch Arne Empen, der als Booker bei der Hamburger Projektagentur Kopf & Steine tätig ist. „Auch wenn jetzt langsam wieder kleinere Veranstaltungen möglich sind, hat es für viele Firmen bereits zu lange gedauert. Monatelang kein Einkommen zu verzeichnen, stecken nur die wenigsten weg.“

Besonders jüngere, erst seit einigen Jahren existierende Veranstaltungsbetriebe und Festivals seien von der Krise stark betroffen. Diese müssten oftmals noch Anfangskredite abbezahlen und gleichzeitig trotz roter Zahlen weiter investieren, da sie sich noch in einer Wachstumsphase befänden, so Empen. „Ältere und größere Betriebe werden die Krise eher überstehen als die vielen kleineren Unternehmen, die jedoch für die Veranstaltungslandschaft von elementarer Bedeutung sind.“

Und auch Lasse sieht auf die Veranstaltungsbranche noch schwere Zeiten zukommen: „Wenn bis Herbst nicht weitere Hilfen ausgezahlt werden, wird einiges kollabieren. Dann kann man auch davon ausgehen, dass die Nachholtermine einiger abgesagter Konzerte nicht mehr stattfinden können – schlicht aus Mangel an Veranstaltungsfirmen.“ Düstere Aussichten also, die deutlich machen: Die Krise der Veranstaltungswirtschaft betrifft längst nicht mehr nur die Künstler*innen und Veranstaltenden, sondern uns alle.