gefragt: Ich lebe für Solos

Atte Kilpinen, Tänzer beim Hamburg Ballett John Neumeier Foto: Kiran West

Der Umzug in ein fremdes Land, in eine fremde Stadt, ist nie leicht. Diesen Schritt während einer globalen Pandemie zu wagen, birgt noch einmal andere Herausforderungen. Atte Kilpinen, Tänzer beim Hamburg Ballett John Neumeier, zog erst vor gut zwei Monaten nach Hamburg. Svenja Tschirner hat ihn getroffen und mit ihm über Hamburg und das Ballett gesprochen.

KOPFZEILE: Atte, du bist erst Anfang August nach Hamburg gezogen. Wie war es für dich, während der Covid-19-Pandemie in einer fremden Stadt anzukommen?

Atte: Während des größten Lockdowns war ich in Finnland. Als ich in Hamburg ankam, war alles soweit recht normal: Man konnte raus oder einkaufen gehen und so weiter. Der größte Unterschied waren die Masken. In Finnland trug zu dem Zeitpunkt niemand Masken, das war das Schwierigste an der neuen Umgebung.

Hast Du trotz der Corona-Situation schnell eine Wohnung und Freunde gefunden?

Ich fand ziemlich leicht eine Wohnung, durch einen anderen Tänzer des Hamburg Ballett. Als wir mit dem Training anfingen, nahm mich die Compagnie sehr gut auf und ich habe gute Freunde gefunden. Eine der Tänzerinnen ist tatsächlich halb finnisch. Es ist cool, dass ich mit jemanden von Zeit zu Zeit Finnisch sprechen kann.

Wie ist es, beim Hamburg Ballett John Neumeier zu tanzen, verglichen mit dem Tanzen in Finnland?

Natürlich sind viele Dinge recht ähnlich, aber weil es ein anderes Land ist und eine andere Spielstätte, gibt es schon Unterschiede. In Finnland proben wir an einem Ort. Dort finden dann auch die Aufführungen statt, es spielt sich alles an dem einen Ort ab. Hier in Hamburg trainieren wir im Ballettzentrum, die Aufführungen finden aber in der Staatsoper statt. Wir haben also zwei Orte, an denen wir aktiv sind, das ist ein Unterschied.

Und wie ist das Training?

Bis jetzt haben wir natürlich auch noch nicht wieder angefangen, normal zu arbeiten. Das bedeutet, das Balletttraining findet in Gruppen statt, die nur eine gewisse Größe haben, die Proben sind nicht so voll wie das normalerweise der Fall ist. Das Training kann ich diesbezüglich also noch nicht vergleichen.

Aber der Tanz ist derselbe. Es ist wunderbar, John Neumeiers Choreografien hier zu tanzen. Es ist großartig, dass er fast alle Stücke choreografiert.

In Finnland ist das Repertoire eher gemischt. Dort stellen wir mit unterschiedlichen Choreographen jeden Monat eine andere Produktion auf die Beine. Das ist vielleicht der größte Unterschied zwischen Hamburg und Finnland. Hier bekomme ich die Möglichkeit, fast nur John Neumeiers Ballette zu tanzen. Dafür bin ich hier.

Warum hast du dich für das Hamburg Ballett entschieden?

Wir haben „Sylvia“, ein Ballett von John Neumeier, in Finnland aufgeführt. Dabei tanzte ich die männliche Hauptrolle. Ich war sehr inspiriert und wollte mehr von ihm lernen. Dann bekam ich die Möglichkeit, der Compagnie beizutreten. Natürlich war es eine schwere Entscheidung, weil meine Familie nicht mitkommen konnte, sondern in Finnland bleiben musste. Aber als Tänzer müssen wir unsere Chancen nutzen. Ich habe meine ergriffen und bin froh darüber.

Als Tänzer müssen wir unsere Chancen nutzen.

Atte Kilpinen

Wie hat sich die erste Probe in Hamburg angefühlt?

Die Atmosphäre, das Studio, die Compagnie – das war hier zu Beginn natürlich alles neu für mich.  Aber insgesamt war der Unterschied zu Finnland doch nicht so groß. Du gehst zur Probe, du tanzt, du lernst. Das Tempo der Proben ist um einiges schneller als in Finnland. Zudem musste ich bei „Ghost Light“ einspringen. Das war toll, denn ich schätze es, Dinge schnell zu lernen und eine Herausforderung zu haben. Deshalb war es auch in keiner Weise stressig. Es war einfach genau das, was ich wirklich gerne mache.

Du wurdest recht spontan gefragt, ob du für „Ghost Light“ einspringen kannst. Hat dich diese Anfrage überrascht?

Natürlich. Der andere Tänzer hatte sich verletzt. So etwas passiert einfach aus dem Nichts. Man kann es nicht erwarten und niemand will, dass so etwas passiert. Daher ist es immer eine Überraschung.

So spontan einzuspringen und dann ein Solo zu tanzen ist doch bestimmt eine spannende Sache?

Es war super. Ich liebe Solos und ich lebe für sie. Ich habe es wirklich genossen, es hat sich sehr gut angefühlt. Es ist ein sehr schöner Part in der Aufführung und es ist auch toll, dass ich diesen bei der Tournee in Baden-Baden tanzen konnte. Die Aufführung am 10.10. wurde für 48 Stunden live gestreamt, sodass meine Freunde und Familie sie in Finnland oder in anderen Ländern sehen konnten.

Du hast mit sieben Jahren mit dem Tanzen angefangen. Wie bist du zum Ballett gekommen?

Ich nahm Unterricht am Konservatorium von Turku. Dort war ich in einer Schule für Modern Dance, um auch meinen Abschluss als Modern Dancer zu machen, mit fünfzehn habe ich dort angefangen. Ich habe mir die Modern-Dance-Szene in Finnland angeschaut, aber auch zwischendurch ein Auge auf das Ballett geworfen. Dabei habe ich gesehen, dass man beim Ballett bessere Möglichkeiten hat, als Tänzer zu arbeiten. Denn diejenigen, die Modern Dance machen, arbeiten hauptsächlich freischaffend und das ist nicht so meins. Wir hatten auch ein paar Ballettstunden in der Woche und mir fiel auf, dass mir das sehr viel Spaß machte.

Und wie ging es dann weiter?

Als ich meinen Abschluss machte, bekam ich einen Platz in einer schottischen Ballettschule. Anschließend besuchte ich aber auch einen Sommerkurs, bei dem Jarmo Rastas unterrichtete, der beim Finnischen Nationalballett Ballettmeister ist. Er hat mir empfohlen, dort vorzutanzen. Ich sagte, dass ich mich sehr geehrt fühlen würde, aber ich bald auf eine Schule in Schottland ginge. Nichtsdestotrotz ging ich hin und mir wurde dann ein Platz in der Jugendcompagnie angeboten, den ich direkt annahm. Dann arbeitete ich sehr hart, um die anderen bei ihrem Trainingsstand einzuholen.

Das ist vielleicht ein eher ungewöhnlicher Weg, Balletttänzer zu werden, weil ich nicht mehr so jung war, als ich damit anfing. Aber natürlich hatte ich trotzdem immer getanzt, für sehr viele Stunden in der Woche, und zwar alles. Also Modern Dance, Show Dance, Jazz Dance. Daher, denke ich, war es recht einfach. Denn solange du tanzt, bewegst du dich.

Hast du dich während des Sommerkurses entschieden professioneller Balletttänzer zu werden?

Für mich galt immer: Ich werde Tänzer, aber ich will keine Kategorien dafür. Ich bin ein klassischer Tänzer, der klassisch und modern tanzen kann, der keine Scheuklappen aufhat und nur einen Weg geht. Ich glaube, ein Tänzer kann alles tanzen. Das war auch von Anfang an mein Ziel. In der Schule stellte ich fest, dass Lernen und so weiter nicht so mein Ding ist, dafür aber das Tanzen. Also dachte ich mir, Let’s go for it!

Wirst du eigentlich manchmal mit Vorurteilen konfrontiert, weil du ein Mann und Balletttänzer bist?

Nein, nicht wirklich. Ich glaube, dass wir als Menschen uns bis zu einem gewissen Grad aussuchen, mit wem wir uns umgeben. Natürlich werden Leute aufgeregt oder sind überrascht und sagen dann „Oh, du bist Balletttänzer, das ist ja echt cool“, und dann wollen sie mehr wissen über meinen Beruf. Aber wirklich Negatives höre ich nicht.

Einige Eindrücke aus Aufführungen und Proben:

Weitere Informationen über das Hamburg Ballett und Atte Kilpinen.