gelesen: Die Bibliothekarin von Auschwitz

Dita lebt für ihre Bücher Foto: Svenja Tschirner, David Mülhausen

Kaum etwas ist so mächtig wie die Fantasie. Zwischen zwei Buchdeckeln und raschelnden Seiten kann sie erst recht lebendig werden.  Aber nicht nur Romane können den Leser*innen eine Flucht aus dem Alltag ermöglichen, auch Sachbücher oder Atlanten haben diese wunderbare Kraft. Das erlebt die junge Dita in Antonio Iturbes neuem Roman „Die Bibliothekarin von Auschwitz“.

Das größte Vernichtungslager der Nazis, Auschwitz-Birkenau war ein Ort des Schreckens. Unzählige Menschen verloren dort durch Krankheit oder Hunger ihr Leben. Noch mehr von ihnen wurden hingerichtet und starben durch Schüsse, den Strang oder in den Gaskammern. Inmitten dieses Grauens versuchten manche ein halbwegs normales Leben zu führen. So auch die Kinder, die heimlich in der Schule des Familienblocks unterrichtet wurden.

Noch geheimer als der Unterricht, waren die Bücher, die in dem Gebäude versteckt wurden. Es waren nicht viele, einige waren gebundene Bücher andere „lebende“ – Lehrer*innen, die den Kindern Geschichten erzählten. Die wenigen Bücher mit Seiten waren recht ramponiert und mussten gehütet werden wie Augäpfel.

Der Blockälteste und Gründer der Schule, Fredy Hirsch, betraut die zu dem Zeitpunkt 14-jährige Tschechin Dita Adlerova mit der Aufgabe, die Bücher – gebunden wie lebendig – zu hüten. Sie wird die Bibliothekarin von Auschwitz.

Wie der Autor Antonio Iturbe im Nachwort seines Romans beschreibt, lebt Dita Kraus, so der tatsächliche Name des Mädchens, das sich 1944 und 1945 in Auschwitz um die Bücher kümmerte, heute in Israel. Der Autor kontaktierte sie während seiner Recherchen zu diesem Buch und führte Interviews mit ihr.

Ein Leben für die Bücher

Im Roman geht Dita nun ihrer Aufgabe nach und kümmert sich mit Hingabe um die kleine Bibliothek. Sie weiß, wie alle anderen in Block 31, der Schule, dass sie sterben wird, wenn man sie mit den Büchern erwischt.

Allen Todesängsten zum Trotz nimmt sie die Aufgabe an, denn die Bücher sind für sie die Möglichkeit zur Flucht aus ihrem täglichen Lageralbtraum. Eine der Romanfiguren aus der kleinen Bibliothek bringt sie nach dem Tod ihres Vaters wieder zum Lachen, mit dem Atlas entkommt sie den engen Lagergrenzen und geht rund um den Globus auf Entdeckungstour. Und nicht nur ihr geht es so. Egal, welche Geschichten die Erwachsenen den Kindern erzählen oder vorlesen, damit können sie dem Lageralltag und den täglichen Grausamkeiten entfliehen.

Antonio Iturbe, lässt auch die Leser*innen diesen Wunsch nach Luft, nach Flucht und nach Freiheit nachempfinden. Seine Worte schildern auf eindringliche Art und Weise die Gegebenheiten im Familienlager von Auschwitz. Während des Lesens zeichnen sich die Charaktere, ihr Erleben und ihre Gefühle immer wieder sehr deutlich vor dem inneren Auge ab.

Schmerz und Liebe

Manche der beschriebenen Lagerereignisse sind so grausam, dass man sich am liebsten die Decke über den Kopf ziehen würde und fassungslos ist über das, was Menschen anderen Menschen antun können. Doch so schlimm manche Begebenheiten auch waren, auf den nachfolgenden Seiten schafft es Autor Antonio Iturbe bereits wieder, seinen Leser*innen ein Lächeln zu entlocken. Sei es beispielsweise über die Freundinnen, die sich gegenseitig wieder aufbauen oder über die Liebe zwischen Lagerinsass*innen, die auch durch Nazis und Stacheldraht nicht aufgehalten wird.

Lächeln kann man nicht zuletzt auch, weil der Roman zeigt, wie die Insass*innen in diesem Konzentrationslager immer wieder gegen die Nazis rebellieren konnten. Besonders im Kleinen und gestärkt durch die Macht der Kunst.

Fazit

Antonio Iturbes Roman „Die Bibliothekarin von Auschwitz“ führt den Leser*innen auf eindringliche aber gleichzeitig einfühlsame Art vor Augen, wie das Leben der Deportierten im Konzentrationslager höchstwahrscheinlich gewesen sein könnte. Was aber noch viel wichtiger ist, sind die Gedanken, die die Lesenden durch das Buch mitnehmen. Nicht nur zeigt Antonio Iturbe, welche kreative Macht die Literatur, egal ob Atlas oder Erzählung, haben kann. Sein Roman legt dar, das Bücher, Mut, Menschlichkeit, Liebe und Respekt selbst den dunkelsten Ort ein wenig heller machen können.

AutorAntonio Iturbe
VerlagPendo
Preis22,00 Euro
Seitenzahl464