gesehen: Ode an die Freiheit

"Ode an die Freiheit"; Foto: Armin Smailovic

Mit der Premiere von „Ode an die Freiheit“ am 31. August startete das Thalia Theater in die neue Spielzeit. Auch wenn die Inszenierung kein starkes politisches Statement liefert, erfüllt sie die Sehnsucht nach dem klassischen Schauspieltheater.

Das Schiller-Triptychon des Thalia Theater war die erste große Premiere des Hauses seit der Schließung sämtlicher Kultureinrichtungen im März. Mit diesem Stück verabschiedet sich Antú Romero Nunes von seiner Position des Hausregisseurs bevor er zum Leitungsteam des Theaters Basel geht. Die Inszenierung besteht aus den Kurzfassungen von drei Schiller-Stücken: „Kabale und Liebe“, „Maria Stuart“ und „Wilhelm Tell”, die sich alle mit dem Begriff der Freiheit auseinandersetzen.

Der Kampf um die Freiheit auf Schwizerdütsch

Der erste Teil der Inszenierung erzählt die Geschichte von Wilhelm Tell. Die Karikatur des bärtigen Schweizer Jägers und Freiheitskämpfers, gespielt von Paul Schröder, wird von dem Landvogt Gessler (Thomas Niehaus) gezwungen, seinem Sohn einen Apfel vom Kopf zu schießen. Zu sehen ist das Ganze vor dem großartigen Bühnenbild mit einem alpinen Panorama von Matthias Koch. Ironisch und witzig zeigen die beiden Schauspieler ihre satirische Version vom Tell-Mythos, die deutlich macht, dass Freiheit und Nationalsozialismus nicht zusammengehören. 

Freiheit der Liebe

Weiter geht es in der Inszenierung mit dem Familiendrama „Kabale und Liebe“. Es spielt sich am Frühstückstisch der Familie Miller ab: Gestritten wird über den Major Ferdinand, den die Tochter Luise (Lisa Hagmeister) liebt. Zu dritt spielen Jörg Pohl, Cathérine Seifert und Lisa Hagmeister die Geschichte in wechselnden Rollen durch. Auch wenn die schauspielerische Leistung nicht zu unterschätzen ist, wirkte das Familiendrama schwach. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem Luise, abweichend vom Originaltext, ihre Eltern vergiftet, um die Freiheit der Liebe zelebriert.

Nächster Halt: Großbritannien

Zu Beginn von „Maria Stuart“, dem dritten Teil der Inszenierung, fällt als erstes wieder das Bühnenbild auf: Als Kulisse für das politische Drama wird nämlich eine Bushaltestelle benutzt. Maria Stuart (Karin Neuhäuser) ist inhaftiert und wegen Hochverrats von ihrer Schwester, Königin Elisabeth I (Barbara Nüsse) zum Tode verurteilt. Das Duell der Königinnen, die in ihrer Haltung unterschiedlicher nicht sein könnten, wird mit Billigsekt und Dosenbier begleitet. Doch leider macht das originelle Setting die Geschichte nicht interessanter. 

Freiheit der Regieinterpretation

Nach meiner Beobachtung war es das erste Mal seit Jahren, dass während der Vorstellung niemand den Saal verlassen hat. Ob es an den Corona-bedingten Abstandsregeln liegt oder an der puren Freude, endlich wieder im Theater zu sein, unabhängig davon wie langweilig die Vorstellung ist, bleibt ein Rätsel. Bei Klassikern der deutschen Literatur, zu denen wie Schillers Werke zählen, besteht die Herausforderung darin aus dem altbekannten Stoff etwas tatsächlich Spannendes zu produzieren. Obwohl die Inszenierung hochwertige Schauspielkunst zeigt, bleibt man am Ende von „Ode an die Freiheit“ enttäuscht. Ohne einen Bezug auf die Gegenwart wirkt das Schiller-Potpourri zusammenhangslos und sehr unspektakulär. Sehr schade, denn die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Freiheit ist heutzutage wichtiger denn je. 

Die Informationen gebündelt

RegieAntú Romero Nunes
BühneMatthias Koch
KostümeVictoria Behr
Dramaturgie Matthias Günther
MitLisa Hagmeister
Karin Neuhäuser
Thomas Niehaus
Barbara Nüsse
Jörg Pohl
Paul Schröder
Cathérine Seifer

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